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 Literatur der goldenen Zeit vor 1933 in Berlin


Im Jahr 1933 wird nach der Machtergreifung der Nazis alles gleichgeschaltet und jegliche literarische Freiheit, die sich in knapp 15 Jahren seit dem Ende der preußischen Monarchie entwickelt hatte, in Blut-und-Boden zertreten. Wer von der schreibenden Zunft nicht in die Reichsschriftumskammer eintrat und sich deren kleinkariert-völkischen Grundsätzen unterwarf, wurde drangsaliert, inhaftiert oder ermordet. Berühmte Schriftsteller wie Alfred Döblin und die Manns wanderten noch im gleichen Jahr aus.

Erstaunlich. Nicht einmal 15 Jahre liegen zwischen dem großen Krieg und der totalitären Diktatur. Berlin war in dieser Zeit wie New York, London und Paris eine Metropole voll pulsierenden Lebens, mit allen schlimmen Schattenseiten wie Armut, sozialen Unruhen und Kriminalität, aber gleichzeitig mit einer großartigen kulturellen Vielfalt und moralischer Freiheit.
Über 4 Millionen Einwohner bevölkerten die drittgrößte Stadt der Welt.
Die Weimarer Republik brachte in Berlin die unterschiedlichsten politischen Strömungen wie in einem Dampfkessel zusammen, der immer wieder aus einzelnen Stellen pfiff und jederzeit zu explodieren drohte. Adlige, Industrielle, Bürgertum und Arbeiter lebten in dem großen Schmelztiegel, fein säuberlich nach Ost und West, den feineren Gegenden und den verruchten Vierteln getrennt, aber an den Verkehrsknotenpunkten wie dem Alexanderplatz, der Friedrichsstraße und dem Potsdamer Platz begegneten sich alle.
Frauen emanzipierten sich zu bubiköpfigen Vamps oder frauenliebenden Lesben, Männer lebten sich von der öffentlichen Ordnung geduldet frei in ihrer Sexualität aus.
Kunst und Architektur schufen Bauhaus, Art Deco, Avantgarde, Neue Sachlichkeit und das berühmte Karstadtkaufhaus am Hermannplatz.

Und in der Literatur … spiegelt sich wie immer das gesamte Leben, in all seinen Spielarten und farblichen Schattierungen.

Über Berlin in der goldenen Zeit, die keineswegs übermäßig golden, dafür aber um so bunter war – trage ich in diesem Beitrag verschiedene Kurzrezensionen von Büchern zusammen. Nach und nach, Buch für Buch, von dem „verfluchten, geliebten Berlin“ (Paul Gurk, Berlin, 358).
„Da diese Stadt nicht an den großen Straßen dieser Welt liegt, so macht sie sich Sensationen, wenn sie keine hat.“ (Kurt Tucholsky: Berlin, Berlin, berlinca 2017, S. 154)

Curt Moreck: Das lasterhafte Berlin

Curt Moreck: Ein Führer durch das „lasterhafte Berlin“ (1931)

Berlin ist die Stadt der Gegensätze, und es ist eine Lust, sie zu entdecken. (…) Jeder einmal in Berlin! Auch im nächtlichen. Auch im halboffiziellen. Auch auf der anderen Seite, deren Sehenswürdigkeiten nicht vom Ausrufer der Rundfahrtwagen mit witzigen Glossen angekündigt wird. Aber man kommt hier nicht ohne Führer aus, (…) das nächtliche Berlin, (…) die in ihrem Dunkel vergleichsweise verwirrende Metropole des Vergnügens.“(12 ff.)

Was der Schriftsteller Curt Moreck (1888-1957) verspricht, hält er auch. Es könnte womöglich seltsam oder unpassend erscheinen, dass ich meine Rezensionen mit einem Reiseführer in das „lasterhafte Berlin“ beginne, aber dieses kleine Bändchen bietet einen einzigartigen Einblick in die unglaubliche Vielfalt dieser Stadt. Und das in einer Sprache, die weit ab von Vulgarität die Befriedigung der elementaren menschlichen Bedürfnisse beschreibt, dass es eine wahre Freude ist, mit Curt Moreck in diese Zeit und Welt einzutauchen.

Von Ost nach West, offiziell/ halboffiziell und Unterwelt

Wie von einem Reiseführer zu erwarten, erfahren wir, welche Vergnügungen den Besucher in den jeweiligen Straßen und Bezirken der Berliner Innenstadt im Jahr 1931 erwarten. Der Stern der berühmten Friedrichstraße war schon dahingeschwunden – die angesagten Varietés und mondänen Läden hatten  sich in den Westen hin zum Kurfürstendamm verlagert, rund um die Gedächtniskirche.
Zu den „offiziellen“ Vergnügungen zählt neben den großen Bällen, Rummelplatz und Kabarett vor allem das Ausleben des Tanzfiebers, dem man beim mittäglichen Tanztee und selbst am Wannsee frönen konnte, oder indem man sich in den abendlichen Trubel mit Jazzbands und Charleston stürtzte. Verabredungen von Tisch zu Tisch über Telefon oder – poetischer – per Rohrpost ließen sich unzensiert und einfach (und sehr amerikanisch) arrangieren.
Besonders Kinos, von denen Berlin mehr als hundert besaß, waren bereits zur Unterhaltung für die Massen geworden, wie überhaupt die „Industrialisierung des Vergnügens“ (99) durch den boomenden Tourismus um sich gegriffen hatte. Der „Provinzler“ wurde schnell zum Opfer von „Nepp“ (13). Man spielte den „Scharen der Gut- und Leichtgläubigen die Komödie vom ‚Sündenbabel Berlin'“ (20) vor.
Etwas ausgesuchter und für den geistigen Mensch tagte im Romanischen Café „in allen ihren Schattierungen, von der äußersten Rechten bis zu krassesten Linken, die Nationalversammlung der deutschen Intelligenz“ (35). Im Schwaneke traf man auf Literaturprominenz, weshalb man mit einer „Handgranate“ das „Ende der deutschen Literatur“ (115) hätte herbeiführen können.

Halboffiziell“ wurde es schon, wenn man in  Cafés und Bars unter Codewörtern Kokain bestellte oder sich zum Stelldichein in Separees einfand, die es allerorten gab und „Knutschlongen“ (61) genannt wurden und zu denen man auch das Pendant kaufen konnte. Die unzähligen Revuetheater, in denen die Girls aus keuscher Gymnastik ein erotisches Geschäft machen“ (24), war sicher noch harmlos, wobei es auch die Varianten gab, in denen „Kaskaden nackten Frauenfleischs unter Scheinwerferstrahlen über die Bühne geworfen“ (20) wurden und sich „hüllenlose (…) Schönheit“ (102) zeigte.

Komplett in die Halbwelt an der Grenze zur Illegalität bewegte sich der „Liebesmarkt“ (16), wo auch der „Ramschhandel“ immer mehr zunahm. Billige Prostitution war üblich, sadistische und perverse Formen bekannt  („Gefilde der gewalttätigen Venus“ 30, „Domina“ mit „Peitsche“ 31). Vor der derben Prostitution in der Münzstraße im Osten und deren dunklen „Kaschemmen“ wird eindringlich gewarnt. Und verschwiegen wird auch nicht, dass sich hinter den „weltstädtischen Kulissen die düstere Elendsquartiere“ (172) auftun.

Die echte Unterwelt, die organisierte Kriminalität in Gestalt der „Ringvereine“, traf sich am Anfang der Zwanziger noch in bekannten Lokalen, verschwand aber dann komplett vom Licht der Öffentlichkeit und war in Berlin als Tourist nicht mehr zu finden.

Jedem nach seiner „Fasson“

Natürlich war die Frau im Vergnügungsbetrieb Lustobjekt des Mannes. Trotzdem zeichnet Moreck ein beeindruckendes und scharfes Bild von der selbstbewussten modernen Frau, die weiß, was sie will, mit „Bubikopf und Kosmetik“ (26).
Fasziniert hat mich auch die offene Beschreibung der verschiedenen Spielarten der Sexualität.
Der Paragraph 275 (Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe) war zwar voll in Kraft, wurde aber von den Behörden kaum geahndet. Die Prostitution hatte sich 1927 von der polizeilichen Aufsicht befreit und war geduldet (nur Kuppelei war strafbar) – zwei Voraussetzungen – egal wie man dazu steht -, die eine öffentliche Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von Sexualität schufen.
Die Homosexuellenszene allein zählte an die 80 Lokale. Und auch der lesbische Liebe mit ihren nichtöffentlichen Clubs wird mit großem Respekt begegnet, ebenso den „Transvestiten“ (148), selbst wenn sie dank „Gummiproduktion“ einen „vollentwickelte[n] Busen“ (151) besaßen. Nur den Voyeurismus eines „inszenierten Transvestitenbetrieb“ (151) empfand der Autor als befremdlich.
In Berlin galt die „Toleranz“ nach dem Grundsatz „jedem nach seiner Fasson selig werden zu lassen, auch in der Liebe“ (127) – denn: „Die Natur irrt nicht, sie ist weiser als wir …“ (136).

Dieses Buch ist ein wunderbares Fanal für Liebe und Freiheit (ein bisschen getrübt durch die Selbstverständlichkeit von Prostitution).

Curt Moreck: Ein Führer durch das lasterhafte Berlin, btb Verlag 2020 (1931), 207 Seiten.

Beitrag Irmgard Keun

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932)

Und ich denke, dass es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein. (…) Und wenn ich später lese, ist alles wie Kino – ich sehe mich in Bildern.“(4). „Ich werde ein Glanz …“ (38).

Es begann mit Gilgi

Als Irmgard Keun (1905-1982) 1931 ihr erstes Buch „Gilgi eine von uns“ veröffentlicht, gibt sie an, erst 21 Jahre alt zu sein. Tatsächlich ist sie 25. Warum? Weil wir in ihrer Geschichte einem Mädchen von knapp zwanzig begegnen, in deren Leben wir live dabei sind. Gefühle unmittelbar im Präsens, die Sprache genau wie sie gesprochen wird, Gedanken wie sie ungeschminkt durch den Kopf schießen, ehrliche Beobachtungen ohne Beschönigungen – das wirkt auf den ersten Blick mädchenhaft naiv, ist aber so raffiniert aufgebaut, dass wir viele Zeitprobleme streifen und in philosophische Tiefen abtauchen. Die Autorin selbst ist wie Gilgi und eine von uns, wie das neue Leiden einer Wertherin, nur dass sich Gilgi nicht umbringt, sondern ihren großen Gefühlen mit Kind im Bauch in die große Welt von Berlin entflieht.

Ich war begeistert von der Dichte und Modernität dieses Schreibstils. Man nennt es „Neue Sachlichkeit“, weil nichts mehr romantisiert, sondern alles präzise beobachtet wird. Aber wie so oft, gibt der literaturgeschichtliche Begriff nicht alles wieder, denn die Intensität und die Unmittelbarkeit, die sich in diesen Werken zeigen, sind gerade nicht „sachlich“, sondern sehr emotional.

Das Aufstreben einer Stenotypistin

Wie Gilgi ist auch Doris Stenotypistin, aber sie ist auf Kriegsfuß mit den Kommas, versucht ihren Chef dezent um den Finger zu wickeln, der es prompt falsch versteht, sie bedrängt und ordentlich eins gegen das Schienbein kriegt. Doris ist nicht auf den Mund gefallen, schreibt ihre Erlebnisse nieder „wie Film“ und will ein „Glanz“ werden. Als sie nach der prompten Entlassung an der Garderobe des Stadttheaters arbeitet, fällt ihr ein „Feh“ – ein edler Eichhörnchenpelz – in die Hand, in den sie sich verliebt und ihre Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben weckt.
Aus Angst, der Diebstahl des teuren Stücks würde zur Anzeige gebracht, flieht sie nach Berlin, wodurch das zweite Werk (1932) von Irmgard Keun in der großen Weltstadt spielt. Unverblümt schildert Doris, wie sie sich in den berühmten Lokalitäten (die fast alle in Curt Morecks Führer genannten wurden) Männer angelt, das Leben in vollen Zügen genießt und ihren Liebhabern bezeichnende Spitznamen gibt wie „roter Mond“, „Danziger Goldwasser“, „der Schöne“, „der Onyx“, der „Kneifer“. „Mein Leben ist Berlin, und ich bin Berlin“ (54) „und es ist eine Freiheit, ich werde ein Glanz“ (55), denkt sie anfangs, doch bei keinem dieser Herren mit Geld wird sie glücklich. Der eine kommt ins Gefängnis, beim anderen die Ehefrau zurück, der dritte schlägt und der letzte ist nur gut und liebt eine andere. Einem armen Blinden zeigt sie Berlin mit ihren Augen, was das Leseerlebnis noch mehr intensiviert. Immer hilft ihrem Lebensgefühl der edle Feh.
Doch irgendwann steht Doris ohne Geld da – „wo ist mein helles Berlin“ (69), fragt sie sich und kämpft ums Überleben, will sich prostituieren, „mit Männern schlafen, viel Geld haben“ (71), sie stürzt ab (Alkohol und „Schnee“) – „die Stadt ist krank“ (70).
Beim „grünen Moos“ (91) strandet Doris abgemagert und depressiv, darf bei ihm wohnen, erholt sich, kommt in die Normalität zurück, verliebt sich – aber er liebt noch seine Frau. Als es ihr besser geht, bringt sie die beiden wieder zusammen, obwohl es ihr schwer fällt. Doris Zukunft ist am Ende ungewiss, aber sie ist mit ihren Gefühlen im Reinen – oder vielleicht ernüchtert, denn: „Auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht so furchtbar an“ (130).

Modernität mit fiesen Tücken

Es ist das Drama der selbstbewussten Frau in den Goldenen Zwanzigern. Doris will aus ihren einfachen und ungebildeten Verhältnissen (Vater arbeitsloser Säufer, Mutter Gardrobistin) heraus, der kleinen Frauenrolle als Stenotypisten oder Fabrikarbeiterin entfliehen, groß herauskommen wie die „Dietrich“ und das mondäne Leben genießen, ein „Glanz“ werden. Doch die einzige Chance führt nur über das Bett von älteren Männern, die es zu etwas gebracht haben. Das ist bitter und zugleich absolut realistisch für diese Zeit. Berlin bietet viel – flimmernde Lichtreklame und noble Lokalitäten führen den Glanz vor Augen, der aber doch nur für Geld zu haben ist, und für Geld muss sich Frau prostituieren … Es ist verrückt, wie zum Verwechseln ähnlich die Einstellung von Doris dem modernen sexuellen Selbstbewusstsein ist, und wie sehr die Lebensumstände sie in brutale sexuelle Abhängigkeit zwingen.
Doris‘ Sehnsucht ist sympathisch, aus heutiger Sicht fast schlicht, und doch für sie unerreichbar: „Ich will mal einen Kaffee mit Musik und ein vornehmes Pfirsich Melba in hocheleganten Bechern – und das geht doch nicht alles von allein, braucht man wieder die Großindustrien und dann kann man ja gleich auf den Strich gehen. Ohne Achtstundentag“ (108).

Näher an dem Gefühl der Zeit wie in dem kunstseidenen Mädchen mit ihrem Feh kann man kaum sein. Das „Märchen von Berlin“ (122) ist wunderbar erzählt, die Handlung schön und grausam, „weil die Zeit wirklich schlecht ist“ (128) – das Schicksal der jungen Frau bleibt offen.
Wenn ich diese beiden Zeitdokumente von Irgard Keun mit neuen Büchern wie  „Die juten Sitten“ von Anna Basener (Goldmann, 2020) vergleiche, die angeblich „ungeschminkt“ und „schmutzig“ die 20 Jahre schildern, dann kann ich nur sagen: Die Originale sind in einer viel lebensechteren Sprache verfasst und mir weit stärker unter die Haut gegangen. Wie ein guter Film im Kino … und das wollte es ja sein.

Und weil es so viele schön-moderne Erkenntnisse gibt, noch zwei Zitate:
„Frauen sind manchmal sinnlich und wollen nur das. (…) Und es ist ja auch keine Schweinerei, weil man ja gleiche Gefühle hatte, und jeder will dasselbe vom andern“ (59).
„Da gibt es so Lokale, da sitzen so Weiber mit steifen Kragen und Schlips und sind furchtbar stolz, dass sie pervers sind, als wenn so etwas nicht eine Gabe wäre, für die keiner was kann“ (101).  

Irgard Keun: Das kunstseidene Mädchen, Ernst Klett Schulbuch Verlag 2004 (1932), 176 Seiten.
Irgard Keun: Gilgi eine von uns
, Ullstein 2018 (1931), 262 Seiten.

[Wird mit weiteren Titel fortgesetzt!]

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