Jedem seine Geschichte in meinem Kopf

Lesedauer: 6 Minuten

 Kiara Kern, fremdgefabelt. Die wunderlichen Fantasiegespinste der Tinka Braun (2017)  ( zwischendurchgelesen)

Da saß ich gemütlich mit der fünften Tasse Kaffee an meinem Laptop und ließ meine Augen durchs Netz streunen, als ich auf die Geschichte einer fast-Kaffeehausbesitzerin stoße, die mich sofort anrührt. 

Nach der Kündigung ihrer Arbeitsstelle und dem fast zeitgleichen Tod des Großvaters scheint Tinka Brauns Welt zusammenzubrechen. Der kauzige Opa war vermutlich der einzige, der ihre Bücherliebe und Verrücktheiten verstand. Er hinterlässt Tinka ein Kaffeehaus in Lachen am Zürichsee. Daraufhin fängt sie an, das CAFÉ VINTAGE & CAKE in ihrer Fantasie einzurichten, und baut dabei eine ganz besondere Beziehung zu ihren Kunden auf. „Kafi-extra“ ist das Codewort, mit dem die Kaffeeliebhaber ihre eigenen Geschichten erzählen können und einen ganz besonderen Service erhalten: Die Handlung wird „umgeschrieben“ und endet plötzlich ganz anders. Veröffentlicht als 13 1/4 Blogeinträge, die fantastisch fremdgefabelt sind.

Und auch der Schluss des Buches hat wieder eine Wende: „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“ (219), sagt Frau Doktor Jakob, die leitende Psychiaterin und Ärztin von Tinka. „Sie nimmt die Welt anders wahr, lebt und denkt in Geschichten“ (227). Es fallen Begriffe wie „Eskapismus“ und „Derealisation“ (222) – groteske Begriffe, wenn diese gar ein literarisches Schaffen beschreiben. So scheint das Buch zu enden.
Doch als ich Tinka treffe und mir ihre Geschichten erzählen lasse, verrät sie mir ein großes Geheimnis. Ihre ärztliche Therapeutin hat ein kleines Problem: Frau Doktor Jakob wäre sehnsüchtig gerne erfolgreich als Schriftstellerin geworden, aber in ihrer Familie waren alle bereits seit vier Generationen Ärzte: Chirurgen, Herzspezialisten und Orthopäden. Schlimm genug, dass es nur zum Psychiater gereicht hat. Ihre ersten Gedichte im zarten Alter von 10 Jahren wurden als entartet von ihrem Großvater abgewertet, eine Kurzgeschichte mit 16 von ihrem Vater gar als trivial gerügt, ein kleiner Roman von ihrer Mutter als rühselig  abgetan. Dann gab sie auf und studierte Medizin in Zürich. Als Tinka ihrer Ärztin bei der ambulanten Therapie immer wieder von ihrer wunderbaren Welt der Bücher und ihrem Blog voller Geschichten erzählt, rastet diese irgendwann aus …

Kafi extra

Kafi extra: „Folgender Text ist koffeinhaltig. Frisch gemahlen aus dem Leben eines Kaffeetrinkers:“ Blogstory Psychiater-Burnout

„Was ist denn nun wahr, von alledem, was sie mir erzählt haben. Sie müssen wirklich dringend lernen, wieder die Realität von ihren eigenen Gedanken zu unterscheiden, Frau Brautmüller“, sagt Frau Dr. Jakob.
Sogar einen neuen Namen hat sie für mich ausgedacht. Als ob sie nicht wüsste, dass ich Tinka Braun heiße, manchmal auch Helen. Was will sie denn damit erreichen? Soll ich mich gegen sie behaupten? So eine Art Stärkung meines Selbstbewusstseins? Kein Problem. Da kann ich ihr Paroli bieten.
„Ich glaube, dass meine Geschichten anderen helfen. Meine Kunden hängen ja in ihrer realen Wirklichkeit fest wie in einer Schublade, die klemmt. Sie kommen da von alleine nicht wieder raus. Also helfe ich ihnen mit meiner Fantasie. Was soll denn daran schlecht sein?“ Ich weiß ja selbst, dass ich verrückt bin, aber nicht so verrückt, dass ich nicht mehr weiß, dass ich verrückt bin, denke ich und bin trotzdem verwirrt.
„Schlecht? Alles ist daran schlecht. Nichts helfen ihre Geschichten, außer dass sie in ihrem eigenen Gedankensumpf immer tiefer versinken werden und selbst ich Sie dann auch nicht mehr herausziehen kann …“
„Das müssen sie gar nicht … Ist eher der Kaffeewahn bei mir … und den haben doch viele“, wende ich ein. Müsste eine Psychiaterin nicht eigentlich verständnisvoller auf mich eingehen? Was war nur heute mit Frau Dr. Jakob los?
„Niemand anderes kann Ihnen helfen, weil nur ich Sie verstehe! Kapieren Sie das endlich. Ich bin die Schriftstellerin in diesem Raum und Sie nur eine Blogse, die sich im Dschungel ihres eigenen Gehirns verstrickt hat. Sie müssen dort heraus und wie ich …“
Frau Dr. Jakob stockt – ihr entgleiten die Gesichtszüge, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte.
„Und wie ich …?“, frage ich nach, obwohl ich befürchte, dass irgend etwas nicht stimmt. Ihre Augen zucken, vielleicht ein Anfall.
„Ich bin die Schriftstellerin …“, schreit sie, dann sackt sie auf ihrem Sessel in sich zusammen und vergräbt ihren Kopf in den zierlichen Armen. „Ich …“, schluchzt sie, „durfte nie sein, was ich sein wollte.“
Sie tut mir jetzt irgendwie leid. Vielleicht ist sie jetzt bereit.
„Eine Kafi extra für Sie?“, frage ich. Sie starrt mich an und begreift. „Ja, bitte, einen Kafi extra.“
Ich zücke meinen iPad und lege los …

Der Ernst des Lebens

So ungefähr hätte die 14. Geschichte lauten können, wenn das Buch nicht vorher und in einem ernsteren Ton geendet hätte.  Und alle 13 1/4 Blogeinträge von umgeschriebenen Lebensbeichten sind so viel brillanter als mein kleiner Versuch einer Würdigung, indem ich das Ende einfach um- und weitergeschrieben habe.

Weil ich als Fantasy-Leser diese Variante schon viel zu oft hatte, dass alles dann doch nur einem lädierten oder kranken Geist entsprang, war ich zuerst von dem Schluss unangenehm berührt, dann aber von meiner unangenehmen Berührung. Warum eigentlich nicht. Zwischen den Zeilen hatte es sich schon
angedeutet, dass Tinka ziemliche Probleme hatte, sich auf Menschen und das Leben einzulassen und sich die Welt einfach anders erschrieben hat und eben auch ihr autobiographisches Schreiben über das Schreiben schon gefabelt war. Mehr Fantasie, als das Leben in unserer Gesellschaft erlaubt – man nennt das psychodiagnostisch nach dem ICD 10 (F60.30) „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“; früher hätte man vielleicht Schamanin dazu gesagt und im vorletzten Jahrhundert womöglich Schriftsteller*in.

Ich fand alles so wunderbar verrückt, dass es herrlich unormal lebendig sein könnte. Aber den gleichen Respekt bringe ich psychisch Kranken entgegen, wenn sie unter ihrer übermäßigen Fantasie leiden. Das ist nicht selten und darf kein Tabu sein. Vielen Dank an die Autorin für dieses wichtige Thema der Entstigmatisierung. Und wenn es sich dann auch noch so leicht liest: Chapeau.

fazitgefabelt

fremdgefabelt wurde 2017 von einer Schweizerin mit dem Pseudonym Kiara Kern geschrieben. Die Autorin will, so habe ich sie verstanden, anonym bleiben, weil ihre Person nichts zur Sache tut. Ein zweiter Band, fremdgeträumt, erschien 2018 und steht natürlich auf meinem Wildaneb (=will ich lesen dauert aber noch ein bisschen). Und sollte Tinka doch noch auf Reisen gehen, wie sie es immer wollte, könnte ein ferngefabelt oder fremdgelebt nachfolgen, aber das war jetzt nur fantasiert …

Die Sprache ist so unterschiedlich treffend wie die fabulierten Szenen selbst. Genial. Voller Lebensweisheit und Witz, aber fein säuberlich in Blog-Einträge und eine Rahmenhandlung gepackt. Es beginnt wie eine der überzogenen modernen Unterhaltungsromane mit Frauenheldin, wird kriminell mörderisch, philosophisch künstlerisch und wunderschön romantisch. Alles nur fremdgefabelt, aber das fabelhaft!
Amüsiert haben mich als Fremdlesenden zudem die kleinen schweizer Einstreusel wie „urchig“, „innert“ und „anhin“, aber das war nur Nebenspaß. Tatsächlich liest man(n) – zumindest das rezensierende Exemplar – das 234 Seiten-Werk nicht am Stück. Wäre zu schade. Die einzelnen Kapitel wollen nachwirken. Aber mehr als 3 Tage hat es die Neugier dann doch nicht ausgehalten.

In diesem wunderbaren Buch blitzt viel mehr Fantasie auf als in so manchem Fantasy. Deshalb ist es für Leser dieses Genres in jedem Fall geeignet, sogar für Autoren, die sich womöglich ein bisschen etwas abgucken mögen … 

Hintergrundinfos:

Die Webseite der Autorin.
Die Autorin spricht sich für die Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten aus.

Literatur interpretiert Literatur

Weil das Buch so schön verrückt ist, kann vielleicht niemand anderes als die schriftlich sehr beredsame Tinka Braun selbst sich interpretieren.

Liebe Kaffeetrinker: Haben Sie eine Story zu erzählen?
Darf ich ihren privaten „Stoff“ als Grundlage für meinen Blog nutzen? Mein Schreibstil ist ehrlich, ich bin unparteiisch und schreibe Ihren Erzählstoff so um, wie Sie es nie erwarten würden. Dabei kennt meine Kreativität (fast) keine Grenzen … Nachzulesen auf meiner Homepage. (…).
Bestellt einen Kafi-extra. (40)

Wie früher die Zeugeunerinnen aus dem Kaffeesatz den Leuten die Zukunft voraussagten, so benutze ich meine Kaffeebohnen als eine Art gehirnerfrischende Substanz, die sie dazu anregen soll, von sich zu erzählen. Über den Stoff des Lebens. Und den Rest erfinde ich dazu. (41)

Na weil … es doch allein darauf ankommt, wie wir unsere Lebenserfahrung innerlich verbuchen. Im Plus oder Minus. Je mehr Positives wir erleben, desto eher sind wir fähig, Verluste abzuschreiben. (61)

Ich will nur noch eins: Alltägliche Geschichten neu erfinden. (75)

Als Kind dachte ich immer, sie klauen einem die Fantasie, wenn man erwachsen wird. (191)

Künstler sind dazu da, uns träumen zu lassen. Sie helfen auch denjenigen mit mangelnder Fantasie, endlich abzuheben, und die Realität loszuwerden. (215)

Kiara Kern, fremdgefabelt. Die wunderlichen Fantasiegespinste der Tinka Braun, Band 1, boox-verlag 2017

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2 Antworten

  1. Tausend Dank für diese tolle Rezension! Ja, das Ende ist wohl ziemlich ungewöhnlich, es ist nun mal eine Art LESERÄTSEL. „Nichts ist, wie es scheint.“
    Diese Romanserie ist ein Versuch, auf ein ganz bestimmtes Thema einzugehen – und zwar mittels Fiktion, statt Sachbuch. Dafür habe ich extra ein Wort erfunden: SinnesWAHNdel. Ich fühle mich geehrt, dass ich Dich anscheinend inspiriert habe, einen eigenen „Kafi extra“ zu entwerfen. Du hast das Ende umgeschrieben – genau wie es meine Romanfigur bei ihren Kunden tut. Das ist ziemlich cool. Und ich hab sie gleich bildlich vor mir gesehen, die beschriebene Szene 🙂 Die unkonventionelle Buchserie soll unterhalten, aber auch Denkanstoss sein. Zumindest bei Dir ist mir das anscheinend gelungen. THX! Liebe Grüsse aus Zürich, Kiara

    1. Leserrätsel, Thema als Fiktion, SinnesWAHNdel … eine literarische Allegorie also auf die Sensibilisierung für psychische Krankheiten. Hab ich sehr wohl verstanden und in der Tat kommt es in Band 2 deutlich heraus. Und das ehrt Dich.

      Aber die Botschaft ist bekanntlich bei Sender und Empfänger etwas verschiedenes, die Intention der Autorin und die Rezeption durch die Lesenden zwei paar Stiefel. Dein Roman liest sich als absolut interessantes Werk auch ohne diese zweite Deutungsebene und macht Mut, mit den eigenen Verrücktheiten umzugehen und sie in Kreatives umzusetzen. Diese Botschaft kommt in erster Linie bei mir an und bricht die Lanze für einen ungezwungenen Umgang mit dem, was allzu schnell durch Zuschreibungen der „Psychopathologie“ als „krank“ klassifiziert wird.
      Es ist nicht leicht über dieses Thema zu schreiben und zu reden, der Grad ist schmal. Entstigmatisierung von psychischen Krankheiten ist genauso wichtig wie eine Relativierung dessen, was in gängigen Medizinmodellen als unnormal gilt, finde ich … Und insofern ist auch das in deinem Roman gelungen, weil es eben nicht mit Zeigefingern, Entallegorisierung o.ä. passiert, sondern durch eine verschachtelte Fiktion.

      Vielen Dank für dein schönes Buch.

      Grüße aus Stuttgart von David

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