Formate der Literaturkritik – Rezensionen dürfen subjektiv sein

Lesedauer: 6 Minuten

Formate der Literaturkritik – Rezensionen dürfen subjektiv sein

Haltet mich bitte jetzt nicht für einen Freak, nur weil ich weiter öffentlich darüber nachdenke, wie man Buch-Rezensionen sowohl spannend und gefällig als auch serös und fundiert schreibt, gerade als Buchblogger und noch einmal mehr in der Fantasy.
Wir wollen ernst genommen werden? Den Graben zur etablierten Literaturkritik überwinden? Oder einfach nur viel gelesen werden?
Diese Fragen kann man natürlich unterschiedlich beantworten.
Eine weitere: Kennt ihr einen Verlag, der bei seinen Buchreferenzen Bücherblogs nennt? Natürlich mag man uns emsige Schreiberlein als Marketinginstrument in die Masse, aber als ernstzunehmende literarische Einschätzung?

Welches Gewicht besitzen Blog-Rezensionen?

Ein Beispiel. Diese Woche suchte ich nach Raphaela Edelbauers Buch „Dave“, einen brandaktuellen KI-Roman aus dem Klett Cotta Verlag. Dort fand ich als Referenzen natürlich die  Pressestimmen: Fernsehsendungen, Rundfunk, große Blätter, aber auch lokale, nichtssagende, zwei Online-Literaturzeitungen und ein einziger Bücher-Blog (immerhin!), also 1 von 30. Das nenne ich noch kein Gewicht.

Ich bin unschlüssig, wie ich das deuten soll. Die Bücherblogs müssten sich mit dem, was sie für die Wahrnehmung von Literatur leisten, nicht verstecken. Aber im Gesamtkonzert der Rezensionen spielt die institutionalisierte Literaturkritik in den öffentlich-rechtlichen und den freien Medien nach wie vor die erste Geige. Oder vielleicht wäre der Unterschied mit Profi- und Amateurliga zu vergleichen. Tja, die anderen Kollegen verdienen damit ihr Geld und sind wahrscheinlich besser „trainiert“. Anderseits ist die Literaturkritik ja kein Hochleistungssport und mit ein bisschen Talent und Übung lassen sich vielleicht ähnlich gute Ergebnisse erzielen. Nur weil jemand Literaturwissenschaft oder Journalismus studiert hat, muss sie/er noch lange nicht besser schreiben können, oder? Vielleicht wurden ein paar Methoden intensiver erlernt, aber mit ihnen vielleicht auch die Kreativität verlernt.

Andererseits scheinen die Buchblogger nicht unbedingt viel Wert darauf zu legen, wie gut sie sind und in welcher Liga sie spielen. Das finde ich sympathisch, aber auch schade. Denn wer sich öffentlich im Internet über ein komplexes Werk der Sprache äußert, sollte sich bildlich gesprochen bewusst sein, in welchem Spiel er mitspielt. Kaum eine/einer macht sich Gedanken darüber, nach welchen Grundsätzen und Kriterien eine Rezension verfasst sein sollte. Zumindest schreibt in den Buchblogs kaum jemand über dieses Thema. Wie in einem anderen Artikel erwähnt ( Eine kleine Metrik für das Schreiben einer Rezension), fand ich bei meiner Recherche in dieser Hinsicht überraschend wenig. Gleichzeitig werden es immer mehr Buchblogs, die unbedarft und wertend ihre Meinung in die Welt hinaustragen ( Rezensionen, Blogs und all der Rummel …).

Hoheitsrechte für die Literaturbewertung

Der Streit um die Hoheitsrechte für die Literaturbewertung ist nicht neu. Mit dem Beginn der Bloggerszene seit den 2000er Jahren gab es diesen, wenn auch von beiden Fraktionen nur am Rande geführt. Lothar Struck (https://www.begleitschreiben.net/), ein professionell Unprofessioneller des Anfangs, der bis heute dabei blieb, hat dies ausführlichst und anschaulich dargestellt:  „Die Unvernünftigen geben auf“ (@ BBlogger: bitte lesen! Ist sozusagen Geschichtsunterricht für die eigene Zunft).

Kurz aufgeflammt ist der Streit, als die bekannte Literaturkritikerin Sigrid Löffler letztes Jahr im Deutschlandfunk „dieses elektronische Stammtischgeschnatter“ verurteilte, womit sie uns Buchblogger meinte: Die „twittern vor sich hin mit subjektiven Geschmacksurteilen“. Unter „dem Deckmantel einer angeblichen Demokratisierung“ wird auf diese Weise „die Literaturkritik in Wahrheit entprofessionalisiert“. Starke, geradezu diffamierende Wort. Der Verwurf: Wir untergraben eine sachgerechte Einschätzung von Literatur, die natürlich nur von Fachkräften geleistet werden kann. Das ist schon dreist.

Die Empörung in der Bloggerszene war … –  was würde man denken? –  … nicht wahrnehmbar. Traurig. Die Kritik ist praktisch unbeachtet verhallt. Ich fürchte, nur die wenigsten kennen Frau Löffler, geschweige denn die Literaturkritikszene. Man ist abgebubbelt in die eigene Blase. Vielleicht hat sich BBlogger damit abgefunden, dass man subjektive Rezensionen egal welcher Art schreibt und sich dafür auch nicht zu rechtfertigen braucht. Ist ja subjektiv, genügt keinem bestimmten Anspruch, und wer es lesen will, soll, wer nicht, möge es lassen. Punkt. Kann man so sehen. Muss man aber nicht. Bei mir stünde da eher ein dickes „Fragezeichen“, statt eines Punkts.

Buchblogs im Twitterformat

Ich dachte zuerst, dass auch der Spruch der berühmten Literaturkritikerin nur – verzeiht – publikumswirksames Geschnatter wäre, bis mir diese Woche die Nominierungsliste der Buchblogger des Jahres 2020 in die Hände fiel. Bei den Newcomern posten bereits 60 % nur noch auf Instagram (bei den renommierten 40 % zumindest auch in diesem Medium). Die Rezensions-Beiträge überschreiten dabei kaum das beschränkte Twitterformat. Ja, geht’s noch? Kann man Literatur in diesem Kurzformat überhaupt gerecht werden? Sollte die Grande Dame der Literaturszene also doch recht haben? Auch wenn es inzwischen Instagram ist, genannt Bookstagram: Wir twittern über Literatur …

Die Gegenstimme

Einer der wenigen aus der Szene, die der Literaturkritikerin Paroli bieten, ist Simon Sahner. Er schreibt auf 54Books, einer Plattform, die als Literatur-Blog begann und sich nun als Online-Feuilleton versteht, das allem Raum bietet, wofür in den traditionellen Medien kein Platz ist.
Der Blogger-Kollege mokiert sich über die „Pauschalisierung“, „weil es den Anschein hat, als würde der Ort der Publikation, nämlich das Internet oder die sozialen Medien, die Äußerung von vornherein herabwürdigen.“
Denn natürlich gibt es auch im Internet ernsthafte Auseinandersetzungen mit Literatur und das Medium schafft mehr Beteiligung und verändert das „Sprechen über Literatur“. Simons Sahner schließt daraus, dass es „ehrlicher“ geworden ist. Wurde die Kritik in gängigen Feuilletons als objektive Sachkunde getarnt, ist der Stil jetzt bewusst subjektiver. Allerdings will auch dies „anspruchsvoll gehandhabt“ werden, wie er betont. 

Zwischen den Stühlen

Für mich muss das Schreiben über Literatur irgendwo dazwischen liegen, ohne dass man vom Stuhl fällt, einen eigenen Platz haben . Eine überzogene Intellektualität wie des Öfteren in der Literaturkritik praktiziert kann genauso nerven und einem Buch nicht gerecht werden, wie das twitterhafte, subjektive Geschnatter, egal in welchem Medium.

Vieles darf nebeneinander bestehen, keine Frage. Das Internet ist bunt, auch wenn man die grellen Farben der 8 Bit Farbtiefe öfter sieht, als die feinen 24 Bit Farbnuancierungen. Das Search-Ranking von Google legt mehr wert auf gegenseitiges Verlinken als auf qualitativen Inhalt.

Liebe Mit-Blogger! Macht euch nicht nur Gedanken darüber, wie ihr besser verlinkt werden könnt (auch das ist wichtig. Bitte verlinkt mich 😉 ) und wieviel Leser ihr erreicht (bitte lest mich), sondern ob ihr eurem Sujet, dem, über was ihr schreibt, gerecht werdet (mache ich auch).
Dann wird sich die Buchblogszene weiterentwickeln und ernster genommen werden.

Unterschiedliche Formate

Eine Rezension „sollte beim Ausdifferenzieren und Begründen der eigenen Qualitätskriterien aber immer auch elegant geschrieben sein und unterhaltsam zu lesen.“ ➛ Sigrid Löffler

Dies ist Ansporn für alle Beteiligten. Auch für mich. Und genau deshalb gibt es mehrere Formate, in denen ich Rezensionen schreibe(n werde).

Buchbewertung

Bei der Buchbewertung stelle ich mich neuen Büchern, unvoreingenommen, meistens ohne, dass ich groß etwas darüber gelesen habe. Öfters greife ich mir auch ältere Werke dafür heraus, die in bestimmten Kreisen oder eben innerhalb des Subgenres sehr geschätzt werden. In beiden Fällen versuche ihnen auf den Grund zu gehen. Dafür habe ich eine kleine  Metrik angelegt, die mir und dem Leser hilft, genau hinzusehen und ein gutes Gefühl dafür zu kriegen, warum mir etwas gefällt oder auch warum nicht.
Außerdem habe ich mich in diesem  Artikel lang und breit darüber ausgelassen, weshalb ich so vorgehe. Man darf mich in diesem Falle gerne des Schematismus schelten … Ein bisschen Systematik hat nach meiner Meinung noch nie geschadet, selbst in der Literatur.
Alle Buchbewertungen findet ihr hier.

Buchbesprechung

Eine Buchbesprechung lasse ich Werken angedeihen, die mich besonders beeindruckt oder bewegt haben. Da geht auch mal die Begeisterung mit mir durch und ich versuche verständlich zu machen, was das wirklich Besondere an diesem Buch ist. Diese Rezensionen können schwärmerisch und sehr subjektiv oder gerne mal zu lang sein, aber bestimmt eindrücklich.
Dabei gelten die gleichen Kriterien wie bei der Buchbewertung, aber ich wende sie virtuoser und aus dem Blickwinkel der eigenen Emotionalität an.
Alle Buchbesprechungen findet ihr hier.

Zwischendurchgelesen

Was mir eben sonst unterkommt: Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte oder gelesen habe, die aber nicht oder nicht direkt zum Fantasy-Genre oder zur Phantastik gehören, aber selbstverständlich genauso interessant sein können. Davon gibt es natürlich unzählig viele.
Weil ich nicht für alle Literaturgattungen eine Expertise besitze, werde ich mir nicht anmaßen, in die Tiefe zu gehen oder nach ausgewiesenen Kriterien zu bewerten. Stattdessen darf die Kreativität mehr zur freien Entfaltung gelangen. Ich will versuchen, die Charakteristik des Buches durch den Stil der Rezension in irgendeiner Weise zum Ausdruck zu bringen.
Alles Zwischendurchgelesene findet ihr hier.

Drübergelesen

Eigentlich wollte ich diese Rubrik „quergelesen“ nennen, aber seit sich in Süddeutschland, meiner Heimat, eine recht seltsame Gruppe verbreitet hat, sind die Wortbildungen mit „quer…“ einfach verhunzt und nicht mehr schön. Na vielen Dank an diese wenig-denker! Jetzt ist es halt „drübergelesen“ geworden (was im Ländle auch ein Gschmäckle hat, aber das bermerkt vermutlich kaum jemand).
Unter diese Kategorie fällt, wenn ich in Bücher reingeschnuppert und sie durchaus in wesentlichen Passagen auch gelesen habe, sie mich aber weder packen noch überzeugen konnten oder in mir eben schlicht ihr Zielpublikum verfehlten. Wenn ich mir dennoch die Mühe gemacht habe, will ich auch ein paar Worte darüber verlieren. Verrisse wird es nicht geben, aber klare Geschmackshinweise, was durchaus etwas anderes ist.
Auch abgebrochene Leseaktionen fallen darunter. Früher habe ich jedes Buch zu Ende gelesen, wenn ich es angefangen habe, rein aus Prinzip. Inzwischen ist mir die Zeit aber doch zu wertvoll. Trotzdem werde ich auch in diesem Fall ein paar Worte darüber verlieren, was mir den Zugang verwehrt hat.

Genug des Rezensions-Theorie-Geplänkels. Der Sub (= Stapel ungelesener Bücher – kannte ich bis vor kurzem auch noch nicht!) wächst in unüberwindliche Höhen und verlangt nach Bearbeitung.
Viel Spaß beim Lesen, ob Buch oder Rezension.


Eine Rezension „sollte beim Ausdifferenzieren und Begründen der eigenen Qualitätskriterien aber immer auch elegant geschrieben sein und unterhaltsam zu lesen“.

➛ Sigrid Löffler, 2020 im Deutschlandfunk

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