Gegenseitig lesen (1): Zoe Rosary

Lesedauer: 7 Minuten

Zoe S. Rosary: Naturgewalten. Die Tochter der Elemente ()

Es ist etwas ganz anderes, wenn zwei Fantasy-Autoren sich gegenseitig lesen und dann zum Gespräch verabredet sind, um über die jeweiligen Werke zu plaudern, aber auch um Hinweise aufzunehmen und Gedanken auszutauschen. Womöglich ist diese Buchbesprechung ein wenig subjektiv gefärbt, vielleicht auch einfach nur bunter – weil es Herbst ist, der selbstgebackene Zwetschgenkuchen (natürlich mit Schlagsahne!) lecker war und Zoe absolut sympathisch ist.

Die Entstehungsgeschichte

Naturgewalten. Man würde vielleicht annehmen, dass die erste Inspiration zu diesem Buch am Meer gereift ist, wo sich diese Kräfte ungeniert und mächtig präsentieren. Ich musste bei dem Titel an das Watersnoodmuseum auf Zeeland denken, das die gewaltige Flut von 1953 auf eine bedrückende Weise dokumentiert. Und auch das Naturmuseum auf Sylt nennt sich nicht ohne Grund „Naturgewalten“.
Aber es war gar nicht das Getöse einer Brandung, sondern im Gegenteil, die sommerliche Ruhe an einem mitteldeutschen See. Das ruhige Wasser brachte Zoe auf die verwegene Idee, wie es denn wäre, auf dieser sanften Fläche zu laufen. Wie würde sich das wohl anfühlen?
Nun haben wir beide u.a. Theologie studiert und schon mal von jemandem gehört, der im Sturm auf einem See in aller Ruhe zum Boot seiner Freunde lief – auf dem Wasser. So abwegig ist der Gedanke nicht, man muss nur ein paar Naturgesetze außer Kraft setzen und sie beherrschen. Ein reizvoller Gedanke obendrein und in einer Fantasy-Erzählung kein Problem. Weil Magie nicht unbedingt in unser Zeit passt, wurde die Hauptfigur Ayeleth in dem Land Iperinea geboren, irgendwo auf dem Kontinent des High Fantasy.

Wenn die Elemente rufen …

Ayeleth ist anders – der Name bedeutet (neuhebräisch) Reh. Genauso selbstverständlich und natürlich wie sich ein Reh in der morgendlichen Waldlichtung bewegt, geht das Kind mit Magie um und setzt beim Spiel die Naturgesetze außer Kraft. Als dies kaum mehr verbergen lässt, ziehen ihre Eltern aufs Land, weitab jeglicher Zivilisation. In der abgeschirmten Idylle eines Pferdehofs am Rande eine Buchenwaldes lernt sie die vier Elemente zu beherrschen, läuft auf einer unsichtbaren Brücke über die Klipppen hinweg. Ihre Gedanken teilt sie lediglich mit ihrem nur wenig älteren Bruder.

Als ein junger Mann im Sterben liegt, ruft der Wald Ayeleth. Intuitiv bringt sie den Sohn des Grafen mit ihrer Macht über die Elemente zurück ins Leben. Ihre Kräfte sind damit vollständig geweckt und die Elemente verkünden, dass die Tochter der Elemente erwacht ist. Dieser Ruf wird auch auf den Inseln gehört, wo die Söhne und Töchter wohnen, die streng nach Element getrennt leben und die Kräfte der Natur beeinflussen können. Doch ihre Kräfte schwinden seit der Regierungszeit Pjeros und zum ersten Mal haben sie gesprochen. Der Sohn des Herrschers, Merano wird auf die weite Reise geschickt, um die Tochter der Elemente mit Gewalt auf die Insel zu bringen.

In der Zwischenzeit begegnen sich der Sohn des Grafen und Ayeleth ein zweites Mal, verlieben sich und werden heimlich ein Paar. Doch das Glück währt nur kurz. Ayeleth wird vor den Augen ihres Geliebten entführt. Schnell stellt sich heraus, dass der Fremde ein Freund ihrer echten Eltern ist, die vor 18 Jahren von Pjero auf den Inseln ermordet wurden. Trotz der guten Absichten und seines Schutzes, wird Ayeleth von dem ausgesandten Merano aufgespürt und durch die Drohung, ihre Heimat zu zerstören, gezwungen mit ihm zu gehen.

Auf der Reise zu den Inseln erlebt Merano die Macht und Widerständigkeit der Tochter der Elemente, verliebt sich, will sie aber dennoch unter seinen Willen zwingen. Ayeleth glaubt einer Botschaft der Götter, dass sie Merano begleiten soll, aber ihr Widerwille beschwört die Elemente herauf und es kommt zu mehreren Unglücken, bis sie schließlich in einem großen Feuer entflieht.

Es wurde bereits in einer alten Legende angekündigt, dass mit der Tochter der Elemente eine neue Zeit beginnen würde … Aber das ist dann Band 2.

Keiner kann die Gewalten des Wassers bändigen. Keiner kann den Wind einfangen oder das Licht löschen. Niemand kann der Erde das Leben nehmen! Was für sie gilt, gilt auch für mich, denn die Elemente und ich sind eins! (Ayeleth, S. 426)

Die Elemente müssen sich fügen, so wie du dich im Übrigen auch. (Merano, S. 383)

[Die Elemente] schrien nach mir. Und ihr Schreien wurde immer lauter. Sie brauchten mich und ich sie. Sie weinten um mich und dann wurden sie wieder wütend. Es war ein Wellenbad der Gefühle. (Ayeleth, 379)

Ich wollte mehr. Wollte alles. Ihr Herz und ihr Leben. Ihre Zeit. Uneingeschränkt und bedingungslos. (Serano, S. 368)

Obwohl es vollständig verkehrt war, was er tat, konnte ich ihn noch nicht abweisen. Es fühlte sich viel zu gut und richtig an. (411)

Aber der Weg des Herzens ist immer der richtige. (353)

Innerlichkeit durch alle Fasern

Ein Fantasy-Roman lässt sich auf die unterschiedlichste Art schreiben: Die Tochter der Elemente hat für mich noch einmal eine Facette hinzugefügt, die ich in dieser Weise bisher nicht kannte. Auf der Handlungsebene passiert vergleichsweise wenig. Dafür tauchen wir fast unendlich tief ein in die Gefühlswelt der beiden Hauptfiguren, Ayeleth und Merano, und nehmen an allem Anteil, was sie in ihrem Herz und ihren Gedanken bewegt. Ich würde es „Innerlichkeit“ nennen, eine Intensität, die berührt. Oft war die äußere Szene geradezu unwichtig gegenüber den inneren Dialogen in Zwiesprache zwischen dem Erlebten und den Gefühlen. Und das passt zur Tochter der Elemete.

Die Kräfte der Natur sind in Ayeleth auf eigentümliche Weise präsent. Sie ist keine Magierin, die diese Kräfte im eigentlichen Sinne beherrschen würde, vielmehr ist sie Teil davon, mit ihnen eins. Ayeleth ist genauso von den Naturgewalten bestimmt, die sich in ihrer Kraft entladen wollen, wie sie diese speist. „Die Elemente übernahmen zu viele meiner Gefühle. Der Sturm tobte nicht nur in mir“ (311).

Kein Wunder also, dass Inneres und Äußeres sich spiegeln. In dem behüteten Buchenwald gab es nur gutherzige Menschen und die Dinge waren im „Gleichgewicht“ (149), doch mit ihrer Entführung trifft sie auf politisch und rücksichtslos agierende Personen, gerät in Konflikt und muss sich gegen sie behaupten. Es toben die Gefühle und mit ihnen die Naturgewalten. Sie machen das Innere nach Außen sichtbar. Eine schöne und romantische Vorstellung – manches wäre leichter im Leben, wenn der Sturm der Gefühle so deutlich sichtbar hervorträte. Und doch macht die Realität dieser Innerlichkeit gerade diese Perspektive der Fantasy-Geschichte so besonders.

Die andere Seite der Medaille: So wenig ich sonst für Action plädiere, hätte der Roman auf der Erzählebene etwas mehr bieten können. Die Tiefe der Gefühlswelt fand ich sehr beeindruckend, aber auch hier traten die Kontrahenten im letzten Drittel für mein Empfinden sehr auf der Stelle.

Liebe ist eine Naturgewalt.

So könnte man die Botschaft fast verstehen.

Es hat etwas Naives und Märchenhaftes, wenn Ayeleth sich in den ersten Mann, Jarik, verliebt, dem sie in der Abgeschniedenheit als 18-Jährige begegnet und der zudem noch der Sohn des Grafen von Narams County ist. Kaum kehrt er wieder, finden die beiden unmittelbar in eine intensive Beziehung. Ein Schwur, bis ans Ende der Tage (bis zur Reise in die Sterne – ein schönes Bild) beieinander bleiben zu wollen, besiegelt das junge Glück. Die Annäherung geschieht so schnell und vollendet sich in voller Körperlichkeit und einem ehegleichen Gelöbnis, dass meine Bereitschaft, mich lesend darauf einzulassen, etwas hinterherhinkte. Aber: warum nicht? Wenn man jung ist, sind die Gefühle bedrängend, und es hat für die beiden alles gepasst. Erst später erfährt sie, dass diese Liebe nach den Gesetzen der Söhne und Töchter, zu denen sie gehört, verboten ist. Ob sich diese Tragik in Band 2 zeigen wird?

Das bestimmende Moment im Roman ist allerdings das Verhältnis des Herrschsohns Merano mit Ayeleth. In typischer Manier seiner Gesellschaft will Merano die junge Frau unter seinen Willen zwingen, was er durch subtile Drohungen und massive psychische Gewalt betreibt. Würde Ayeleth nicht glauben, dass es der Wille der drei Götter wäre, dass sie Merano begleiten soll, hätte der Herrschersohn vermutlich keine Chance. Doch so wird sie auf der langen Reise mürbe, entdeckt ihr körperliches Begehren für ihn, bietet ihm Paroli und merkt, dass sich die Gefühlswaage ihm zuneigt. Fast wäre man versucht, von einem Stockholm-Syndrom zu sprechen. Doch dann explodieren die mit ihr verbunden Elemente kurz bevor es zur verführerischen Szene kommen kann, und sie befreit sich. Aber bis es dazu kommt, geht es so lange hin und her, dass mir diese Passagen keinen Spaß mehr bereiteten.

Fazit

Die Tochter der Elemente von Zoe S. Rosary ist voller Emotion, ein Sturm der Gefühle, die durch zwei interessante und gegensätzlich konturierte Figuren mit leichter Hand gezeichnet ist. Und es ist magisch in der wunderschön beschriebenen Vereinigung mit dem Elementen.
Durch den eingängigen, aber auch sehr einfachen Schreibstil passt es auf ein breites Publikum, wenngleich das größte Leseinteresse sich eher im jugendlichen Bereich wiederfinden wird.
Insgesamt habe ich diese besondere Art des Fantasy in dem Erstlingswerk von Zoe S. Rosary als sehr bereichernd empfunden und bin gespannt, was die sympathische Autorin noch alles schreiben wird.
Für mich persönlich dürfte es in Zukunft etwas mehr spannende Handlung sein, weniger Gedanken-Romantik und trotzdem die gleiche leidenschaftliche Innerlichkeit – aber ich lasse mich gerne überraschen!

Zoe S. Rosary: Die Tochter der Elemente. Naturgewalten 1, 2020 (copyright Zoe Rosery), 430 Seiten (ebook Version)

Hintergrundinfos:

Die Webseite von Zoe S. Rosary
Im Band zwei von Naturgewalten geht es weiter: Die Insel der Götter.
Die Welt von Imperia stellt die Autorin in ihren Blogbeiträgen anschaulich dar.
Eine weitere Buchreihe, als Trilogie angelegt, ist bereits bis zum zweiten Band erschienen: Eyaland.

 

Literatur interpretiert Literatur  

„Du hättest deine Magie der Schatten nutzen können“, hörte Avyna leise gesprochene Worte, direkt in ihrer Nähe. Und doch waren es nicht die Worte, sondern allein die Stimme, die tief in ihre Seele eindrang und erdrutschartig eine Lawine von Gefühlen lostrat.
„Wo bist du all die Jahre gewesen?“
Es war kein Vorwurf, nur die Sehnsucht, die urplötzlich in Avyna aufflammte. Wie unendlich schwer war es gewesen, an ihrer Liebe festzuhalten, nachdem der Tod sie so unerwartet aus ihrem Leben gerissen hatte. Alle Erinnerungen bereiteten nur quälende Schmerzen, und so hatte sie die Bilder von einer glücklichen Zeit fast vollständig aus ihren Kopf verbannt und ihre Liebe tief unter vielen vernüftigen Gedanken vergraben.
Jetzt aber brach sie hervor und erfasste ihr ganzes Herz.

David A. Lindsam, Dar-Rashûk. Die Macht der Vergangenheit, 2021 (unveröffentlicht), 542

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