Die Kommissarin und der Mörder

Lesedauer: 6 Minuten

J.S. Frank: Rache 1-6 ( zwischendurchgelesen)

Rache … ist ein wunderbarer Titel.
Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben. Nichts weniger als das.
Süß ist sie, hat einen langen Atem und verarbeitet zu Blutwurst.
Ein mächtiges Gefühl. Schadenfreude, Sadismus und Mord im Gefolge.
Nächstenliebe, die rechte Wange und andere kulturellen Errungenschaften haben es schwer gegen diese Urkraft.
Neid und Eifersucht sind nur die kleinen Geschwister. Sie dagegen ist eine Göttin, die den Pantheon erschüttert. Kühl und berechnend erreicht sie ihr Ziel, plant und triumphiert am Ende, immer.
Was könnte besser für blutige Verbrechen passen?

Rache … ist ein „blöder Titel“, sagt meine Tochter. „So allgemein. Könnte alles sein“. Stimmt auch. Klingt simpel und banal. Wir leben schließlich in gesitteten Zeiten. Diese finstere Emotion darf man nicht mehr ausagieren. Nicht einmal mehr empfinden. Sie ist unterdrückt, schlummert, vergraben unter dicken Schichten, gezähmt. Aber immer noch mächtig und zerstörerisch. Denn literarisch lebt sie sich aus.

Rache … ist ein psychologisch komplexer Krimi der harten Art. Noir. Hardboiled Chandler modern.

Rache … ist ein Roman von J.S. Frank mit ungefähr diesem Inhalt: Eine Kommissarin verbündet sich mit einem aus der Haft entlassenen Mörder, weil sie beide aus gutem Grund dunkle Gefühle gegen einen Boss des organisierten Verbrechens hegen. Doch Polizeiarbeit und Resozialisation setzen diesem Gefühl deutliche Grenzen. Und auch der Bösewicht hält sich so gar nicht an seine Rolle. Das ist Stoff für 6 Krimi-Folgen mit über 700 Seiten.

Heftiger Start

Es beginnt schräg und finster. Die LKA-Beamtin Laura Stein hofft nach dem Anruf eines Dealers auf ein Geständnis. Kaum ist sie vor Ort, redet der wirr von irgendwelchen „Stimmen der Frauen …“ (15) und pustet sich vor ihrer Nase die Birne weg. Vielleicht war er Zeuge, wie die einunddreißig ukrainischen Frauen 2015 an der deutsch-polnischen verschwanden. Eine „Lieferung“ für die Bordellbetriebe von Viktor Hansen, den die junge Kommissarin seit Beginn ihrer Polizeilaufbahn zu überführen versucht. Bisher ohne Erfolg. Der tote Dealer bedeutet wieder eine Möglichkeit weniger, Viktor Hansen hinter Gitter zu bringen. Der ist inzwischen zu Ansehen und politischem Einfluss gekommen, während seine kriminellen Geschäfte weiter florieren.
Der zweite potenzielle Kronzeuge, der sich bei der Beamtin kurz drauf meldet, hat einen Hirntumor, nichts mehr zu verlieren und einiges vor seinem Boss zu verbergen. Der jedoch schöpft Verdacht und inszeniert einen perfekten Selbstmord für seinen untreuen Mitarbeiter, bevor dieser singen kann.
Jetzt ist Laura Stein auf Wolf Berger angewiesen. Laut ihrem Psychologen ein Psychopath, früher der rechte Arm von Hansen, sein Knochenbrecher, verurteilt wegen mehrfachem Mord. Es trifft sich gut, dass er gerade nach 15 Jahren aus der Haft entlassen wurde, wo er selbst mehreren Mordversuchen nur knapp entging. Wollte Hansen ihn aus dem Weg räumen oder korrupte Drogen-Bullen? Berger lehnt das offene Angebot der Kommissarin ab, als V-Mann für sie zu arbeiten. Er versichert glaubhaft, dass er sein beschauliches Leben als Fahrradmechaniker leben will.
Aber natürlich funktionieren Thriller anders. Berger und Stein verbindet mehr. Viel mehr. Er hat damals ihre Mutter erschossen. Und deren Zuhälter, als er beim Eintreiben von Schulden für Hansen bedroht wurde. Und dabei eine unvorstellbar grauenvolle Entdeckung gemacht: Laura, 14-jährig, abgemagert, gefesselt, von ihrer Mutter an brutale Saddisten verkauft … Sie weiß es. Er nicht. Ist er für sie Retter oder Mörder, vertrauenswürdig oder schmutzig und verdorben wie alles in ihrer Vergangenheit?
Jedenfalls lässt Berger sich wieder in Hansens Angelegenheiten hineinziehen. Um Informant zu sein? Um sich zu rächen? Oder weil er sich doch nicht geändert hat?

Es bleibt blutig, derb und spannend

Und das über weitere 5 Folgen hinweg. Laura Stein ist hartnäckig, Wolf Berger undurchschaubar. Die beiden wachsen irgendwie zusammen, werden in den Sumpf von Victor Hansens Machenschaften gezogen, fast zu Opfern und letztlich sogar zu Zeugen eines Mordes und damit ungewollt zu Komplizen.

Die Akteure im Spiel sind interessant gezeichnet. Staatsanwälte und Polizisten gibt es normale, idiotische und korrupte. Mafiabosse sind skrupellos, aber manchmal ehrenhaft und menschlich sympathisch, nah und doch zugleich grausam. Nie ist es stereotyp. Der Hauptbösewicht Hansen wirkt wie der Vorstand eines mittelständischen Unternehmens, selfmade und nur halb gebildet, erfolgreich und behaftet mit einer Vorliebe für Fremdwörter und Ausdrücke aus anderen Sprachen, die er eher virtuos als korrekt benutzt. Egoistisch und rigoros geht er seinen menschenverachtenden Geschäften nach und bleibt selbst beim Morden noch irgendwie konsequent und sympathisch. Auf der Seite des Verbrechens stehen zudem noch Rockerbanden, die kalabrische ‚Ndrangeheta, Holigans und ein paar Freizeitsaddisten.

Die Kommissarin Laura Stein ist aufgrund ihrer Kindheit schwer traumatisiert. Extremsport und Therapie halten ihre Gefühle leidlich unter dem Deckel. Halsbrecherisches Autofahren und Prügeleien dienen als Ventil. Ihre Haupterfolge in der Ermittlung hat sie dem Mann zu verdanken, den sie nicht überführen kann: Viktor Hansen. Und ohne den Ex-Knacki Wolf Berger hätte sie ihre Polizeiarbeit nicht einmal überlebt. Der Mörder ist der normalste von allen, ohne Allüren, Opfer seiner Vergangenheit, hilfsbereit, nett und immer noch wehrhaft.

Wer eigentlich an wem Rache nehmen will, ist komplex. Der Sohn des verkrüppelten Polizisten an dem dafür bestraften Berger? Dieser an seinem ehemaligen Chef oder an den Mördern seines Bruders? Die Kommissarin für das ihr zugefügte Leid? Und welches Motiv hat eigentlich der in die Farbe Weiß vernarrte Psychotherapeut von Laura?
Das Verbrechen an den vermissten Frauen aus der Ukraine scheint sich am Ende aufzuklären. Vieles andere aber dürfte sich nur im Kopf der Lesenden in ein Gesamtbild auflösen.

Rache … ist eben eine dunkle und verworrene Angelegenheit.

Dran Bleiben …

Einen Krimi als Fortsetzungsgeschichte zu schreiben ist so alt wie Groschenhefte oder der Arztroman im Lokalblatt. Aber als 120-seitige Kurzromane mit jeweils 4 Wochen Abstand in der Veröffentlichung, wie Bastei Lübbe diesen Krimi herausgegeben hat, wirkt das wie eine Serien-Soapopera der Streaminganbieter. Erste Staffel in sechs Folgen. „Dran bleiben“ heißt das Konzept des Verlags: Spannung erzeugen durch Cliffhanger und Warten. Eine nette Idee der Marketingabteilung. Ob dies von den Lesern akzeptiert wurde, weiß ich nicht. Ich vermute eher nicht. Mich hätten die Häppchen genervt. Aber im Sammelband wirkt das Buch wie eine episodische Erzählung – und damit wie ein passendes Ganzes.

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Fazit

Derbheit oder Mafiajargon können ja gewollt bis hin zu anbiedernd oder nicht gekonnt wirken. Und psychisch angeschlagene Ermittler sind inzwischen schon Klischee. Beides aber funktioniert bei diesem Roman bestens. Für mich. Der Krimi-Neuling J.S. Frank trifft auf einen wenig Krimi-Belesenen, das Erfrischende auf fruchtbaren Boden. Mir hat es Spaß gemacht, das Spiel der Rache zu beobachten.

Spannung wird in diesem Krimi nicht allein durch Action erzeugt, sondern ebenso durch die unklaren Motive der Akteure, ihre schillernden Charaktere und die psychologische Vielschichtigkeit von Rache. Welche Wendungen sich ergeben, war für mich nicht vorhersehbar, manchmal überraschend, mitunter grotesk, aber nie plump oder schematisch. Bei Thrillern habe ich mich nach der Auflösung oft geärgert. Schon wieder die psychopathische Struktur des Täters, die für alles herhalten musste. Und dafür der ganze Ritt durch brutale und eklige Szenen. Bei Rache ist das nicht so. Ja, es ist auch mitunter brutal. Aber ich hatte am Ende kein schales Gefühl, als Leser „verarscht“ worden zu sein. Im Gegenteil. Es lässt mich zufrieden und ein klein wenig nachdenklich zurück.

Dass auch noch prügelnde Holigans und makabre Freizeitsaddisten aus dem Erzählhut gezaubert wurden, war mir persönlich zuviel. Aber ich kann dies nicht kritisieren, nur als Geschmacksurteil anmerken, denn alles erklärt sich aus den Verstrickungen und dem Milieu.

Rache … liest sich gut als Ebook und hört sich fast so gut als Audio an.

 
 

J.S. Frank: Rache. Sammelband 1-6. Die komplette erste Staffel, beTHRILLED/ Bastei Lübbe 2021, 708 Seiten.

J.S. Frank: Rache. Sammelband. Rache 1-6. Gesprochen von Sabine Arnhold, Lübbe Audio 2021.


Hintergrundinfos:

Ein Interview über die Entstehung der Serie auf Kriminetz
Die Webseite des Autors
Elenas Zeilenzauber mit einer Rezension (Bd. 1)
Eine kleine Geschichte, warum es diesen Roman überhaupt in dieser Gestalt gibt, vom Autor sehr offenherzig und sympathisch erzählt (buchszene.de)

Stimmungsvolle Zitate

 

„Fünfzehn Jahre im Knast, der große Victor Hansen lässt nichts von sich hören, schaut nie vorbei. Und als man entlassen wird, muss man den Bus nehmen.“ (98)

„Fuck“, zischte Hansen, warf die Zigarettenkippe zu Boden und rieb sie mit der Schuhspitze in den Asphalt. „Kinderhandel, Kinderpornos – bei mir gibt es so was nicht. Hast du das von dieser LKA-Fotze?“ (…)
„Sie ist als nicht glaubwürdig?“
„Genauso gut könntest du ihr glauben, dass seit deiner Knastzeit 21-Euro-Scheine im Umlauf sind. Nein, die ist so irre, dass die meisten Kollegen nichts von ihr wissen oder mit ihr zu tut haben wollen. Sie ist eine Außenseiterin.“ (103)

J.S. Frank: Rache. Sammelband 1-6. Die komplette erste Staffel, beTHRILLED/ Bastei Lübbe 2021

 

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2 Antworten

  1. Ich misstraue all denjenigen Autor*innen, die behaupten, sie würden keine Rezensionen lesen. Gut, okay, wenn man zufälligerweise Sebastian Fitzek heißt, dann können einem Rezensionen komplett egal sein. Hauptsache, die Verkaufszahlen stimmen.
    Ich dagegen lese, wenn ich die Zeit und die Muse habe, die Rezensionen meiner Bücher. Nicht nur die positiven, sondern auch die negativen. Das hat nichts mit einem zweifelhaften Hang zum Masochismus zu tun (der ist mir fremd). Ich will einfach wissen, was dem Rezensenten nicht gefallen hat und v. a. warum. So neugierig bin ich.
    Aber ganz klar – lieber lese ich natürlich positive Rezensionen. Angeblich freuen sich sogar Mikroben über Streicheleinheiten, warum nicht auch Autor*innen? Wenn solche Rezensionen dann aber auch noch gut geschrieben sind und mit argumentativem Feingefühl aufwarten, wenn sie also den werten Autor davon „überzeugen“, dass er wirklich und wahrhaftig ein gutes Buch geschrieben hat, dann geht mir das Herz auf.
    Genau das ist mir geschehen bei der Lektüre der Rezension auf dieser Seite. Sie ist nicht einfach „nur“ positiv. Sie geht überaus treffsicher auf die Geschichte, die Charaktere und die Thematik(en) meiner Thrillerserie ein – und, wie ich finde, auf den „Sound“ der Serie.
    Chapeau! Der Autor ist begeistert!

    1. Natürlich ist es auch schön, wenn derjenige mit der höchsten Kompetenz für das Buch dann wiederum den Rezensierenden davon überzeugt, dass er Flair und Charakter treffend einfangen und rübergebracht hat. 😉

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