Das Schicksal webt sein Muster …

Lesedauer: 17 Minuten

Der große Fantasy-Zyklus von Robert Jordan ()

Nur um eine kurze Vorstellung zu vermitteln: Die 36 Bände (mit Vorgeschichte 37) der ersten deutschen Ausgabe (engl. 14 bzw. 15) vom Rad der Zeit (Wheel of Time – WoT) bringen es auf grob 18.000 Seiten. Immerhin weniger als Goethes Werk oder Karl Mays gesammelte Old-Shatterhand, Wildwest- und Nahost-Romane – aber im Gegensatz zu den deutschen Vielschreibern hat der Amerikaner Robert Jordan mit WoT nur eine einzige Geschichte und damit vermutlich die längste zusammenhängende Erzählung in der Literatur verfasst. Mit über 70 Millionen verkauften Büchern – also mehrere Millionen pro Band – sicher auch eine der erfolgreicheren.

Von 1990 bis zu seinem Tod 2007 erschuf Robert Jordan seine gigantische Welt um den „wiedergeborenen Drachen“ Rand al’Tor und seinen Freunden. Doch das Schicksal hat dem Schöpfer die Vollendung verweigert. Eigentlich sollte der 12. Band das Finale werden. Nach den Original-Notizen von Jordan schrieb der fast ebenso bekannte Brandon Sanderson ab 2009 den „12.“ Band als Finale, der so umfangreich wurde, dass drei dicke Bücher – bis 2013 veröffentlicht – daraus wurden.

Als „alter“ Phantastik-Liebhaber habe ich mich in den 90er Jahren durch knapp die Hälfte des Werkes gelesen – mehr nicht, was aber immerhin noch so viel ist wie fünfmal Herr der Ringe. Jetzt – angeregt durch die Verfilmung auf Amazon Prime – wollte ich wissen, wie ich dieses einzigartige Werk der Phantastik heute einschätzen würde. Denn ehrlichweise konnte ich mich an keine einzige Szene aus all den Büchern erinnern. Eigentlich kein gutes Zeichen. Und eine Mammutaufgabe allzumal, wenn die Bewertung einigermaßen fundiert sein sollte und mich gleichzeitig das Gedächtnis im Stich lässt – ob nun altersbedingt oder weil es nicht übermäßig beeindruckt wurde. Also habe ich mir Band 1, 2 (dt. Erstausgabe) und 15 (der neuen Ausgabe) vorgenommen, in verschiedenen Bänden dazwischen geschmökert und es auf locker 2.000 Seiten Relektüre gebracht. Puh!

Wenn es mir jetzt nicht gefallen hat, war das viel Mühe … Aber: Ich spanne euch noch ein bisschen auf die Folter.

Cover-Entwicklung als Symbol der Etablierung

WoT musste in meinem Bücherregal anfangs immer nur ein Rand- oder Schattendasein fristen. Warum? Meine Neigung zu Fantasy und Science Fiction habe ich nie verleugnet, aber es gab einfach zu viele andere Bücher der Weltliteratur, die sich stärker in den Vordergrund drängten.
Mit verklärtem Blick und fast 30 Jahren Abstand zollt man Robert Jordans Werk inzwischen Respekt – damals aber in den 90er Jahren war das Cover der Erstausgabe gestaltet wie billige Heldenromane, typische Fantasy-Rollenspiele („Das Schwarze Auge“) oder Comics für Erwachsene – und damit definitiv eher für ein spezielles Publikum designed. Diese in Pastelltöne gefassten Umschläge mit Fantasiewesen-Zeichnungen (s.u.) … Echt trashig, oder?
Während der Herr der Ringe immer schon in edel aufgemachten Editionen erschien, hat erst die Übernahme der Rechte durch Piper (2004 ) eine wertigere Ausgabe von WoT hervorgebracht (ab 2009 „Das Original“). Die aktuelle Neuauflage von 2021 ist bewusst im Stil anerkannter Klassiker wie The Witcher (von Altmeister Andrzej Sapkowski bei dtv) angelegt.
Sonst interessieren mich Cover kaum, weil sie wenig über den Inhalt, dagegen viel über das jeweilige Marketing-Konzept des Verlages verraten. Bei WoT allerdings spiegelt sich in der Veränderung nicht nur wider, wie sich Geschmack über die Zeiten wandelt, sondern auch wie das Werk immer mehr in den Status einer etablierten Literatur erhoben wurde.
Bleibt also die Frage, ob diese Aufwertung wieder nur ein Marketingtrick des Verlags ist, oder ob es sich beim Rad der Zeit um ein besonderes literarisches Epos handelt. – Ich verrate zumindest soviel: Die Reihe steht bei mir immer noch nicht im Wohnzimmerregal …

Jordan Das Rad der Zeit
Band 1 +2 der Erstausgabe im Heyne Verlag und der letzte Band in der aktuellen Version im Piper Verlag

Immer dreht sich das Rad und webt das Schicksal

Das Rad der Zeit dreht sich, Zeitalter kommen und gehen und hinterlassen Erinnerungen, die zu Legenden werden. Legenden verblassen zu Mythen, und selbst die sind längst vergessen, wenn das Zeitalter wiederkehrt, das an ihrem Ursprung steht. In einem dieser Zeitalter (…) erhob sich ein Wind … (…) Der Wind stand nicht am Beginn. Es gibt keinen Beginn und kein Ende, wenn sich das Rad der Zeit dreht. Doch zumindest setzte der Wind etwas in Bewegung. (Drohende Schatten, 22).

Jeder Band (nach der engl. Zählung) beginnt nach dem Prolog mit den immer gleichen Worten. Der erwähnte Wind fliegt nach dieser Passage weiter und trägt etwas an den Ort, der zum Schauplatz für die erste Szene wird. Manchmal verrät er auf seinem Weg einiges über andere Orte und was dort gerade geschieht – und fungiert wie eine verdichtete Zusammenfassung. Im ersten Band bläst der eisige Wind Rand al’Thor ins Gesicht und wir werden Teil seiner kleinen Welt. Auch wenn es keinen Beginn und kein Ende gibt, so ist das doch ein Anfang, der Anfang der erzählten Geschichte.

Ein ungewolltes Abenteuer beginnt (Bd. 1 Drohende Schatten)
Emondsfeld im Gebiet der zwei Flüsse ist ein größeres Dorf, abgeschieden am Fuße der verschleierten Berge. Seit Jahrhunderten war es von keinem Krieg betroffen und die Nachrichten aus der weiten Welt werden nur sporadisch durch fahrende Händler in die Abgeschiedenheit getragen. In diesem Frühjahr ist alles anders. Es ist winterkalt. Eine edle Frau mit einem Kämpfer an ihrer Seite erscheint und nächtigt im Wirtshaus. Das Dorf gerät in Aufregung, auch weil das Bel-Tine-Fest bevorsteht. Der zwanzigjährige Rand liefert in der Vorbereitung mit seinem Vater Most. Unterwegs sieht kurz einen gesichtslos erscheinenden Reiter. Zurück auf dem Hof werden sie von Trollocs, Halbmenschen mit Anteilen von Tieren, angegriffen. Rand schleppt seinen schwer verletzten Vater den langen Weg ins Dorf, nur um festzustellen, dass auch dieses halb zerstört wurde und nur durch das Einschreiten der Aes Sedai Moiraine mit ihren magischen Fähigkeiten und ihrem Behüter vor der Vernichtung bewahrt wurde.

Moiraine drängt Rand und seine beiden Freunde Mat und Perrin, das Dorf schnell zu verlassen und mir ihr zu gehen. Sie eröffnet ihnen im Geheimen: „Euch drei sucht der Myrddraal und niemanden sonst.“ Weil die drei nachts von dem dunklen Herrscher (Ba’alzamon) träumen, der sie unter seinen Willen zwingen will, glauben sie der Aes Sedai trotz ihres Misstrauens gegen die weibliche Magiergemeinschaft und brechen mit ihr, Lan und dem Gaukler auf. Egwene, eine Freundin von Rand, schließt sich ihnen an und Moraine lässt es zu, weil sie in ihr eine „Ta’veren“ sieht, ein Mensch, der das Schicksal beeinflusst. Nur knapp kann die Gemeinschaft der Freunde den nachströmenden Trollocs entkommen und in die Stadt Baerlon entfliehen. Dort stößt Nynaeve, die Heilerin von Emondsfeld zu ihnen, mit der Absicht die vier aus den Fängen der Aes Sedai zu befreien. Weil diese jedoch freiwillig mit ihr gangen scheinen, schließt sie sich der Gruppe an auf dem Weg zur Weißen Burg, dem Machtzentrum der Aes Sedai an. 

Unterwegs werden sie von den Trollocs umzingelt, Moiraine fährt wie ein Berserker mit ihrer Macht durch deren Reihen, aber sie ist zu schwach, um alle zu vernichten. Eine verlassene Stadt ist die verzweifelte Rettung, doch deren Fluch wird auch ihnen fast zum Verhängnis. Die Gruppe wird getrennt und auch die Erzählstränge teilen sich ab diesem Zeitpunkt auf. Perrin und Egwene schaffen es über den großen Fluss, der sie vor den Trollocs schützt. Nynaeve findet zu Lan und Moiraine. Rand, Mat und der Gaukler Thom können in letzter Sekunde ein Schiff besteigen …
Soweit der erste Band, um einen Eindruck zu vermitteln. Der zweiten, der im Original zu Band 1 gehört, nur ganz kurz.

Rollenklärung (Bd. 2 „Das Auge der Welt“)
Getrennt in die jeweiligen Gruppen versuchen alle das Ziel zu erreichen. Perrin entdeckt seine Fähigkeiten als „Wolfflüsterer“, gerät zusammen mit Egwene in Konflikt mit den Kindern des Lichts und wird von Moraine und Lan gerettet. Rand und Mat müssen sich gegen Schattenfreunde erwehren. Außerdem wird sich Rand seiner besonderen Fähigkeiten bewusst, fürchtet den mit der Macht verbundenen Wahnsinn und lernt auf ungewöhnliche Weise die Königin von Andor kennen. Nynaeve verliebt sich in Lan, der sich als Thronfolger eines vernichteten Reichs erweist und sie zurückweist.
Alle zusammen reisen auf einem alten Torweg zu dem vom Dunklen Herrscher bedrohten Auge der Welt, wo Rand einen Kampf mit ihm besteht und mehrere Artefakte erhält, die natürlich später eine große Rolle spielen … 

Irrungen und Wirrungen im Schicksalsrad
Hat man die Prophezeiungen vor dem ersten Kapitel aufmerksam gelesen und auf die permanenten Andeutungen geachtet, ist unschwer zu erraten, auf was alles hinausläuft. Rand ist der wiedergeborene Drache, der am Ende des Zeitalters kommen soll und den Dunklen Herrscher besiegen muss, damit das Rad der Zeit sich weiterdrehen kann. Denn es ist die „Macht“ – was im Deutschen klingt wie Star Wars, aber dort ist es „the force“, bei Jordan „the one power“ (Schatten, 169) – , die das Rad dreht. „Der Dunkle König und alle die Verlorenen sind in Shayol Ghul gebunden (…) bis ans Ende der Welt“ (Schatten, 41). Aber wenn die Siegel zerbrechen und Ba’alzamon seinem Gefängnis entkommt, kann der die Macht übernehmen und die Welt für immer zerstören.

In allen 34 Folgebänden wird es also um den Kampf gegen das Böse gehen, das sich Rand und seinen Mitstreitern in vielerlei Gestalt und Form entgegenstellt und zu Verwicklungen, Intrigen und immer neuen Anfeindungen führen wird, aber sie auch neue Freundschaften und Koalitionen schließen lassen wird. Und natürlich wird dieser Kampf in der einen großen Schlacht ganz am Ende entschieden. 

Das Rad dreht sich auch in der Erzählung immer weiter und lässt den Leser oft mit einem Drehwurm im Kopf durch die sich ständig in neuer Variation zeigenden Komplikationen taumeln …

 

Jordan_Robert_Conan
Robert Jordan schrieb vor dem Rad der Zeit mehrere Bände der Conan-Reihe (ursprl. von R. E. Howard)

Tolkin plus

So hoch wie Robert Jordan inzwischen für sein großes Werk gelobt wird, könnte fundamentale Kritik unangemessen erscheinen. Erst nachdem ich es mir innerlich erlaubt habe, dass ich Das Rad der Zeit eigentlich nicht mag – und das hat eine ganze Weile gedauert -, sind mir bei der Relektüre immer mehr Punkte aufgefallen, die mir überhaupt nicht gefallen haben, sodass es mich jetzt fast wundert, warum nicht mehr kritische Stimmen laut werden. Bei aller Hochachtung für ein so umfassendes Werk und der akribischen Arbeit an einem stimmigen Gefüge einer ganz eigenen Welt ist bei mir die Faszination einfach komplett verpufft.

Fangen wir beim Offensichtlichsten an. Einiges im Grundsetting wirkt so, als sei es sehr nahe an die große Vorlage angelehnt: Die Reiter (die Augenlosen, Myrddraal) und ihre Reittiere (Draghkar), die dem dunklen Herrscher dienen. Eine Gemeinschaft von Freunden unterstützt von einen könglichen Kämpfer auf ihrem Weg im Kampf gegen den dunklen Herrscher. Alles endet mit einer Schlacht direkt in der Festung des Dunklen Herrschers. Der Spion Padan Fain, den der dunkle Herrscher gequält und zu seinem Werkzeug gemacht hat und der darüber verrückt geworden ist, aber nach dem Auserwählten für ihn Ausschau hielt …  Nur der Ring fehlt.
Vieles hat Robert Jordan aus eigener Feder seiner Welt hinzugefügt, sodass die Parallelen im ersten Band zwar auffällig sind und die Originalität ein wenig schmälern, mich aber nicht weiter gestört haben.

Entwicklungsroman im XXL Format ohne Entwicklung

Schlimmer ist dagegen, dass ein typischer coming-of-age-Roman sich selbst nicht gerecht wird. Jordan-Begeisterte führen gerne die geniale Charakterentwicklung als herausragendes Kennzeichnen des Autors und der Reihe an. Ich kann dies ehrlich nicht nachvollziehen. In den ersten beiden Bänden (dt. Erstausgabe) treffen wir auf ziemlich naiv gezeichnete Bauerntrampel, fünf Dorffreunde, die wenig von der Welt kennen und verstehen und sich hartnäckig gegen Erkenntnis und Entwicklung wehren. Es wäre ein Wunder, wenn sie nicht ein paar Fortschritte über die zig Tausend Seiten hinweg machen würden. Mir waren es viel zu wenig Veränderungen, angesichts dessen, was sie alles erleben.

Rand fürchtet sich anfangs wie alle vor den Aes Sedai und er hält sein Mißtrauen über unzählige Bände hinweg sogar gegen Moraine aufrecht. Man kann darin einen Akt der Emanzipation gegen die Vereinnahmung durch die Prophezeiungen der übermächtigen weiblichen Magiergemeinschaft sehen. So wird es erklärt, aber das liegt ja auf der Hand und ist psychologisch nicht so raffiniert, dass dieses Motiv über unendlich viele Seiten genügend Tragkraft besäße. Erst nach unzähligen Begegnungen und Reisen, nachdem er so oft die Macht des Dunklen Königs und seine eigenen Fähigkeiten erlebt hat, ganz am Ende akzeptiert er innerlich seine Rolle als wiedergeborener Drache und nimmt die Herausforderung an. Und erst ein Brandon Sanderson musste die Erzählfäden ab dem 32. Band in diese Richtung straffen, damit sie nicht vollständig zerfledderten.

Mit Mat und Perrin ist es kaum besser. Der Sohn des Schmieds wehrt sich hartnäckig gegen seine besonderen Fähigkeiten als Wolfsmensch und übernimmt wie Mat, der immer wieder durch seine Launenhaftigkeit und Unzuverlässigkeit auffällt, erst ganz am Schluss Verantwortung als Anführer. Egwene, die vom Dorfmädchen zur Amyrill, der Obersten der Aes Sedai aufsteigt, spricht selbst im letzten Band in der gleichen kindlichen Trotzigkeit mit Rand wie am Anfang, dass man sich wirklich fragen muss, was sie eigentlich all die Jahre über dazu gelernt hat außer der Beherrschung von Magie …

Alles geht ständig auf und ab und wiederholt sich. Das Rad der Zeit dreht sich endlos und Veränderung ist sinnlos … Das ist die Botschaft, die bei mir ankommt. WoT ist keine feinsinnige Charakterstudie. Wer sich in seinem Erzählstil allerdings durchaus sehr gewandelt hat, ist Jordan selbst. Wenn man die Vorszene in dem neue aufgelegten (2021) ersten Band liest, spürt man, um wieviel lebendiger, frischer und lebensnaher dieser mehr als ein Jahrzehnt später entstandene Text ist. Von den Bänden aus den 90er Jahren kann man Ähnliches noch nicht behaupten.

Monumentaler Pathos

Bei der gesamten Relektüre musste ich nicht ein einziges Mal schmunzeln, geschweige denn, dass ich eine Szene urkomisch gefunden hätte. Humor, sei er subtil oder derb, hat mir im kompletten Werk gefehlt.  Stattdessen wird man beim Lesen von dieser schwerfälligen, unzählige und oft unwichtige Äußerlichkeiten beschreibenden Erzählweise eingelullt. Bereits der Prolog zieht einen tief in die eigens erschaffene Mythologie des wiedergeborenen Drachens hinein, die dunkel und unendlich aufgeladen ist mit bedeutungsschweren Worten und Bildern.

Wie lässt sich am besten Pathos erklären und warum zu viel des Guten einfach zu viel ist.

Kennt ihr die Conan-Geschichten von Robert E. Howard aus den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts? Der durch Arnold Schwarzenegger berühmt gewordene Barbar reist durch unzählige Länder – als Dieb, Pirat, Schatzsucher, Eroberer und König. Er lernt die unterschiedlichen Sitten der Länder und Völker in Hyboria kennen und kämpft sich sein Schwert schwingend siegreich durch jedes Abenteuer. Ein Heldenmythos aus Kampf, Ehre, Magie, Edelmut und einem Herz für Frauen – bar jeder Subtilität, psychologischer Einfühlsamkeit oder reflektierender und differenzierter Betrachtung der Welt – pathetisch eben. In vielem habe ich mich bei Jordan daran erinnert gefühlt. Und tatsächlich. Der Autor hat vor WoT mehrere Bände der großen Conan-Reihe geschrieben. Bis vor meiner Recherche kannte ich diese Schreibphase von Jordan nicht (s. Bild oben!).

Und diese Schwere, dieses Pathos zieht sich auch durch die sprachliche Gestaltung. Vielleicht lässt sich meine Kritik am besten veranschaulichen, indem ich aufzähle, was mir fehlt. 
Trotz der Ausführlichkeit in der Beschreibung entstand bei mir oft keine innere Vorstellung oder ein Stimmungsbild der Szene wie dies beispielsweise ein Christopher Paolini (Eragon) in seiner sorgfältigen und sensiblen Art schafft. Ich vermisse die Verspieltheit und Leichtigkeit im Erzählfluss, wie dies ein Patrick Rothfuss mit seiner psychologisch stimmigen und kurzweiligen, obwohl geschwätzigen Art erreicht. Und ich würde mir die philologische Präzsion eines Tolkiens im Aufbau einer eigenen Sprachwelt wünschen, in der Begriffe nicht nur leicht umgebogen und aus verschiedenen real existierenden Sprachen entlehnt sind (z.B. Bel-Tine ~ Beltane; Ba’alzamon ~ hebr. Baal Zebul, dt. Beelzebub).

Übrigens wurde für die aktuelle Neuauflage von 2021 nur im Design „facegeliftet“. Der Inhalt ist nicht neu übersetzt, nur der Text von groben Übersetzungsfehlern bereinigt. Deshalb wirken die ersten 6 Bände dieser Ausgabe immer noch fast altertümlich in der Sprache, was zum Pathos passt, aber das Lesen nicht eben erleichtert.

High Fantasy mit Erklärungs- und Theodizee-Problemen

Bereits 3.000 Jahr dauert das 3. Zeitalter, in dem die Geschichte spielt, wenn ich es richtig verstehe. 30 Jahrhunderte Wiederaufbau nach der letzten Zerstörung der Welt und immer noch herrschen mittelalterliche Verhältnisse, ohne dass es einen ersichtlichen technischen Fortschritt gäbe. Ist das glaubwürdig? – Dieses Problem haben viele High Fantasy-Entwürfe.
Natürlich dauerte es auch in der realen Menschheitsgeschichte vom ersten Ackerbau im heutigen Anatolien bis zur neuzeitlichen Industrialisierung gut und gerne 10.000 Jahre. Der wirklich große Sprung aber geschah innerhalb von vielleicht 300 Jahren. Im WoT gab es schon viele Jahrhunderte zuvor riesige Städte und globalen Handel, was ein hohes technisches und logistisches Wissen voraussetzt, das es in der Menschheitsgeschichte so nicht gegeben haben dürfte. Dass sich auf dieser Basis nicht mehr entwickelt haben soll, ist für mich eher unglaubwürdig. Ganz davon abgesehen, dass auch die Gesellschaftsformen im WoT über einen so langen Zeitraum immer in feudalen Strukturen verharrt haben sollten, passt zu einer sehr konservativen und wenig humanistischen Sicht. Dieses Menschenbild teile ich nicht.

Ein noch ein viel größeres Thema ist die Theodizee der Weltkonstruktion in WoT.
Unter Theodizee versteht man die Frage, wie sich das Bild vom allmächtigen Schöpfer mit dem spürbaren Leid in der Welt zusammenbringen lässt. Ein seit Jahrhunderten diskutiertes Thema, natürlich ohne eindeutige Antworten, aber Anlass für hunderte von ausgefeilten religiös geprägten Erklärungsmodellen.
Übertragen auf Fantasy: Welche religiösen Elemente werden literarisch eingeführt, um das Schicksal von Menschen in einem größeren, göttlichen Kontext zu erklären. Viele Fantasy-Welten lassen diese Fragen bewusst ungeklärt oder im Nebel von Mythen und Legenden. Doch der tief christlich gläubige Jordan begeht – aus meiner Sicht – den großen Fehler, dass er die Mythen und Legenden zur realen Welt erhebt und den Kampf zwischen dem Dunklen Herrscher mit dem Erlöser in Gestalt des wiedergeborenen Drachen vollständig ins Diesseits verlegt. Es ist keine Glaubensfrage, ob es das Böse gibt. Es ist personifiziert und real. Alle wissen, dass nur die eine vorherbestimmte und prophezeite Gestalt den Untergang der Welt in die absolute Zerstörung aufhalten kann, und ziehen mit ihm in den Kampf. Natürlich bleibt es ein Geheimnis, wie das Rad der Zeit seine Muster webt, aber wenn es immer nur wieder zum Anfang zurückkommt und sich alles wiederholt, nur um am Ende das manifestierte Böse wieder zu überwinden oder gänzlich unterzugehen, dann ist die Frage nach dem Sinn von allem menschlichen Handeln sehr eindimensional. Die Theodizee-Frage stellt sich gar nicht.
Und alles, was eindimensional ist, ist zugleich flach, platt und simpel.
Die Welt und was sie im Innersten zusammenhält … ist bei WoT schlicht unterinteressant konstruiert, finde ich, weil tiefe religiöse Fragen mit einfachen Modellen trivialisiert werden. Ein in vielem so komplex angelegte Erzählung hat auf ihren tausenden von Seiten die Chance verpasst, psychologisch vielschichtig, weltanschaulich bunt und menschlich interessant zu sein.
Die Metapher vom „Rad der Zeit“ eiert enorm.

Jordan Das Rad der Zeit Verfilmung
Die erste Staffel mit 8 Folgen ist raus - Rosamund Pike in ihrer Rolle als Aes Sedai Moiraine

Die Inszenierung durch Prime

Die ersten 8 Folgen vom Rad der Zeit sind seit dem Weihnachtsabend alle auf Prime verfügbar.

Klassiker der Fantasy scheinen in der Filmwelt seit ein paar Jahren für ein Revival zu taugen. Die Shannara Chroniken aus den 80ern (Terry Brooks) waren 2017 ff in mehreren Staffeln zu sehen.  Pratchetts und Gaimans Good Omens (1990) wurde als Miniserie 2019 umgesetzt. Dune von Herbert Frank aus den 60gern kam 2021 ins Kino. The Witcher aus den 90ger Jahren von Andrzej Sapowski erschien gerade in der zweiten Staffel bei Netflix. Und selbst der Altklassiker Herr der Ringe wird 2022 erneut und nun als Serie bei Prime starten.
Im Wettkampf zwischen den Anbietern hofft man bei Bewährtem offenbar auf ein positives Zuschauervotum. Und Stoff genug liefert das umfassende Werk von Robert Jordan allemal.
Kann eine Verfilmung aber auch die Schwächen in der schwerfälligen Erzählweise abmildern? Chancen bietet das andere Medium dafür reichlich.

Nahe am Buch
Inhaltlich folgt die Serie eindeutig dem Plot der Vorlage. Moiraine und Lan suchen die Ta’veren, die Schicksalweber – im Buch gelten nur die drei jungen Männer als mögliche wiedergeborene Drachen, in der filmischen Umsetzung werden auch die beiden Frauen (Egwene und Nynaeve) als Kandidat:innen für die große Veränderung betrachtet. Während das erste Buch ausschließlich Rand in den Blick nimmt, sind in der Serie alle sieben Hauptpersonen von vornherein gleichberechtigt angelegt und wir erleben Szenen aus ihrem Leben. Tatsächlich wirken die Charakter auf diese Weise viel lebendiger und treten in der Eigenart besser in Erscheinung. Hinzu kommt, dass zusätzlich erfundene Szenen das Bild besser abrunden und z.T. sogar psychologisch nachvollziehbarer machen (z.B. die Familiengeschichte von Mat oder der Tod von Perrins Frau).
Natürlich gibt es auch Kürzungen und Umstellungen im zeitlichen Verlauf (z.B. erreichen alle die weiße Stadt vor dem Besuch des Auges und nicht danach), aber alles in Allem bleibt die Geschichte die gleiche.

Politisch korrekt, aber brutal und voyeuristisch.
Seit GoT glauben die Serien-Showrunner nicht mehr ohne Gewalt- und Sexszenen auskommen zu können, wie mir scheint. Die Vorlage deutet alles nur an. Das Gemetzel etwa in Emondsfeld wird in aller Härte und Brutalität gleich in der ersten Folge dargestellt, obwohl es in der Erzählung von Jordan nur in wenig Sätzen erwähnt wird. Die blutig-masochistischen Quälereien eines Anhängers der Kinder des Lichts sind frei erfunden, obwohl sie durchaus passen. Und natürlich beginnt die Serie reißerisch mit dem zugegeben schönen nackten Rücken von Rosamund Pike als Moiraine Sedai.

Keiner scheint mit Gewalt und Voyeurismus ethisch ein Problem zu haben, wogegen man auf die ethnische Durchmischung peinlich und unverhältnismäßig genau achtet. So begegnen uns in dem von der Welt völlig abgeschiedenen Dorf alle Hautfarben und Migrationshintergründe bunt gemischt. Eine seltsame Stilblüte der Moderne: Abschlachten und Quälen erlaubt, aber bitte schön politisch korrekt quer durch alle Ethnien. Das ist grotesk.

Schöne Bilder, wenig Bewegendes
Aus meiner Sicht punktet die Serie mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen und einer ruhigen Hand bei der Kameraführung. Die Bilder haben in mir nachgewirkt und einen bleibenden Eindruck von einer fantastischen Welt mit allen Details hinterlassen. Diesen Teil der Inszenierung fand ich sehr gelungen.

Insgesamt bin ich aber oft abgeschweift, habe nur nebenher geschaut, weil mich die Geschichte selbst nicht wirklich berührt oder bewegt hat. Natürlich kannte ich diese auch bereits, was ein Grund sein könnte. Ein anderer vielleicht, dass ich auch die literarische Erzählung in ihren Themen und Konflikten nicht gerade spannend fand. „The Witcher“ dagegen hat mich als Serie richtgehend beschäftigt (habe bisher nur Staffel 1 gesehen!) und einen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen. Allerdings ist hier auch die Buchvorlage, wie ich finde, sehr viel gelungener.

Jordan Das Rad der Zeit

Fazit

Ich zolle meinen Respekt gegenüber der gedanklichen Leistung, so viele Details der Geschichte und der Geschichten in der selbst erschaffenen Welt in einem hohen Perfektionsgrad stimmig zu gestalten. Und das über tausende von Seiten hinweg. Viele Fans sind davon fasziniert, dass es keine Lücken und Fehler in diesem monumentalen Gedankengebäude gibt. Das habe ich in meiner Kritik nicht genügend gewürdigt. Trotzdem. Schön in einem ästhetischen Sinne und interessant in psychologischer Hinsicht macht diese Art des Weltenbaus eine Erzählung noch lange nicht und genau daran mangelt es.

Die ersten Bände sind erzählerisch ziemliches Mittelmaß. Der Stil wird im Laufe der Geschichte immer lebendiger und findet mit Sanderson schließlich sogar ein gutes Ende. Die Charakterentwicklung ist weniger dynamisch, als es die Fülle an Zeit und Begegnungen erwarten lassen dürfte. Und trotz der zahlreichen Handlungsorte, Völker und Akteur:innen bleibt das Grundkonstrukt eines vorherbestimmten Kampfs gegen das personifizierte Böse sehr eindimensional und damit letztlich relativ uninteressant.

Ich fürchte, dass Das Rad der Zeit auch weiterhin nur einen Randplatz in meiner Bibilithek finden wird, und ich die nächsten Jahre kaum einen Blick mehr in meine Bände werfen werde. Aber wer weiß. Vielleicht geht es euch ja ganz anders und ihr schreibt mir, was euch fasziniert hat, und ich schau doch wieder rein.

Robert Jordan:
– Drohende Schatten. Das Rad der Zeit 1, Heyne 1993
, 510 Seiten.
– Das Auge der Welt. Das Rad der Zeit 2, Heyne 1993,
682 Seiten.
– Die große Jagd. Das Rad der Zeit 3, Heyne 1993,
510 Seiten.
– u. Brandon Sanderson: Das Vermächtnis des Lichts. Das Rad der Zeit, Piper 2021,
1085 Seiten.
– Conan der Verteidiger. 22. Band der Conan-Saga, Heyne 1985,
266 Seiten.
 
 

Hintergrundinfos

Wiki zu WoT
Wiki zu Robert Jordan
Wer tief in die Welt eintauchen will, für den bietet das Fan-Wiki tolle Infos.

Rezensionen zu den ersten Bänden und zur Verfilmung

Janetts Meinung
Kuchers Blog
FictionFantasy
4001Reviews (Serie)
FilmPlusKritik (Serie)
Fernsehserien.de (Serie)
SZ (Serie)

Zitate

Da war jemand gewesen. Und dieser Jemand war ihm böse gesinnt. (29)

Er sagt, der Drache werde in der Stunde der größten Not für die Menschheit wiedergeboren und uns alle retten. (78)

Und in seinen erträumten Abenteuern hatten ihm nie die Zähne geklappert. (138)

„Du lebst wie ein Käfer unter dem Felsbrocken und glaubst dein Schleim sei das Universum. Der Tod der Zeit wird mir solche Macht verleihen, wie du es dir nicht einmal erträumen kannst, Wurm.“ (306)

„Ich mochte Käse früher einmal“, sagte Egwene am dritten Tag, nachdem sie Bearlon verlassen hatten. Sie hatte sich mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt und verzog das Gesicht bei diesem Mittagessen. Es war das gleiche wie beim Frühstück, und das Abendessen würde auch nicht anders aussehen. (386)

Robert Jordan: Drohende Schatten, RdZ 1, 1993

Mitten im Licht schwebte das Nichts, und in der Mitte des Nichts schwebte Rand. (626)

„Die Prophezeiungen werden eintreffen“, flüsterte die Aes Sedai. „Der Drache ist wiedergeboren worden.“ (660)

Robert Jordan: Das Auge der Welt, RdZ 2, 1993

Conan schob das Mädchen tiefer in die dunkle Gasse und wirbelte herum, während der erste Mann auf ihn einstürmte. Noch während dessen Klinge zum Hieb ausholte, durchtrennte des Cimmeriers Breitschwert seinen Hals. Der nächste der restlichen drei stolperte über die zusammenbrechende Leiche, dann schrie er gellend, als Conans Stahl auf ihn zusauste. 

Robert Jordan: Conan der Verteidiger. 22. Band der Conan-Saga, Heyne 1985, S. 53

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