Loslassen von den unwichtigen Dingen …

Lesedauer: 5 Minuten

Zwischendurchgelesen: Judith Wilms, Liebe braucht nur zwei Herzen

„Du liest Groschenromane“, sagt meine Frau, als sie mich mit einem ungewöhnlichen Buch auf dem Sofa erwischt. „Ist ja süß“. Erschöpft lässt sie sich neben mir in die Kissen fallen – den Blick weiterhin fixiert. „Das ist kein Groschenroman“, hebe ich zur Verteidigung an. Aber das übereifrige Marketing des Penguin Verlags hat mein Schicksal längst besiegelt. Eine scharfe Zunge präsentiert die Analyse: „Wow … rosa Blubbberchen, Herzchen, Blümchen und dieser Titel – Liebe braucht nur zwei Herzen … So was würde ich nicht mal anfassen, geschweige denn anschau‘n.“ Harte Worte. Ich halte es an ihr Hinterteil und sage: „Du meinst noch nicht mal damit …“ Sie lacht. „Also ehrlich!“

„Kann ich trotzdem was dazu sagen?“ frage ich, obwohl die Schlacht vermutlich längst verloren ist. „Immer doch“, sagt sie, stöhnt leise auf, als sie sich auf dem Sofa zurechtruckelt, spricht dann aber weiter: „Du liest echt ’ne Liebesschnulze … Ich glaub’s einfach nicht.“ – „Das ist anspruchsvoll“, protestiere ich. Sie schmettert die letzte Bastion meiner Verteidigungslinie nieder: „So anspruchsvoll wie deine Fantasy-Schwarten?“ – „Anders!“, hauche ich leise. Das meine ich ernst. Auf dem Smartphone neben mir flimmern bereits die neuesten Nachrichten und eine Hand legt sich nicht übermäßig sanft auf mein ausgestrecktes Bein. „Noch mehr Tote …“, schüttelt sie den Kopf und ich auch.

Man muss wissen, dass die Herrin des Hauses Romanistin ist und einen französischen Maître in vergleichender Literaturwissenschaft besitzt. Der Gemahl ist nur Germanist und hat deshalb keinen Vergleich und damit auch keine Ahnung. Außerdem mag er Fantasy und Science Fiction, was ihn zusätzlich disqualifiziert. Trotzdem: Ich würde meine bescheidene Meinung gerne loswerden.
Auf dem feierabendlichen, grauen Sofa standen die Chancen leider von Anfang an schlecht. Das Gespräch geht aber weiter, wenn auch nur rein neuronal, was ja in einigen Jahren mit entsprechenden Frontalkortex-Schnittstellen absolut normal sein dürfte – SciFi wird dann Alltag sein. Der große Vorteil: Ich komm einfach mehr zu Wort:

„Natürlich ist das Unterhaltungsliteratur und der Verlag hat mit dem Cover voll in die Girlie-Romance-Kiste gegriffen, wie es allgemein gerade üblich ist. Grauenvoll. Liegt wahrscheinlich am Publikum, dass es so eher gekauft wird.“ – „Und das macht man als Autor mit?“ – „Weiß ich nicht. Aber meistens hat man/ frau nicht viel mitzureden. Außerdem soll sich das Buch ja verkaufen – da steht man/frau als Autor*in im Konflikt. In diesem Fall heißt die Autorin Judith Wilms und man könnte sie ja mal danach fragen, vielleicht gefällt es ihr ja …“ – „Hm …“

„Die Geschichte reiht sich übrigens auf wie die Perlen einer Gebetskette an den Prinzipien des Ausmistens  – die Weisheiten der Ordnungsfee Liv. Ihre Berufung ist das Loslassen von allen materiellen Dingen. Das klappt so gut, dass bei ihr das finanzielle Chaos ausbricht und sie sich unversehens mit ihren knapp dreißig Jahren wieder im Kämmerchen unter Papas Dach einnisten muss. Liv besitzt minimalistisch nur 137 Dinge und hält Liebe für eine Körperfunktion. Die tiefen Gefühle hat sie bei sich ausgemistet, als ihr alles zu viel wurde. Kurz nach dem Abitur starb ihre Mutter elendig an Krebs, mit ihr das zart entfachte Liebesgefühl für Florian. Natürlich trifft Liv ihre Jugendliebe jetzt wieder, der inzwischen eine vierjährige Tochter hat und in einer komplizierten Beziehung lebt. Dieser Florian verschafft ihr einen passsenden Beratungsjob bei seiner Werbeagentur, Liv hilft ihm kreativ bei seinen Herzensangelegenheiten.
Das kann natürlich nicht gut gehen … oder eben auch doch. Denn in jedem Leben gibt es den Unscheinbaren (393), ein Etwas, an dem das Herz hängt und das alles bedeutet. Man muss es nur entdecken …“ – „Das klingt doch alles ziemlich konstruiert. Schreibt das Leben etwa solche Geschichten?“

„Ich würde eher sagen: Es ist genial komponiert. Die Themenmotive kommen immer wieder, werden in verschiedenen Tonlagen neu moduliert, mit anderen Stimmen harmonisch zusammengeführt und im Finale zu einem rührenden Allegro verbunden …“ „Sehr musikalisch-poetisch. Wenn dir sowas gefällt, kannst du doch auch mit mir in den Ring gehen – wird gerade neu an der Stuttgarter Staatsoper inszeniert.“ – „Der Ring, alle zu knechten …?“ – „Nein! Der Ring des Nibelungen von Wagner, du Kultur-Ignorant. Mach mal konkret, was du eigentlich meinst!“

„Naja, es baut sich langsam auf. Liv ist ein liebenswertes Unikum, völlig überzeugt von den Prinzipien des Minimalismus‘; sie ist überall in der Welt mit wenig zuhause. Ich habe beim Lesen richtig Lust gekriegt, die Bühne mit unserem Krempel gründlich aufzuräumen, nur noch wichtige Dinge zu behalten … Man erlebt Szenen mit den Kunden von Liv und wie sie langsam das Loslassen lernen. Dabei läuft nicht alles glatt und die eine oder andere Lektion erweist sich ironischerweise als nicht gerade perfekt.
Die Familie von Liv ist lebendig; echte Charaktere, die Dialoge humorvoll, ehrlich und vielleicht ein bisschen direkter als man es selbst von der Berliner Schnauze gewohnt ist. Überhaupt gibt es nur Gut-menschen ohne böse Absichten, die halt nur in ihrer eigenen Haut feststecken und daraus nicht immer raus können. Das führt zu Konflikten, die sich aber alle irgendwie lösen lassen …“ – „Beschreibst du gerade die Kennzeichen von Trivialliteratur alla Rosamunde Pilcher?“ – „Nein, um Gottes Willen. Das ist echt keine Schnulze, sondern ein sensibles Panoptikum der Gefühle, aber eben positiv gestimmt, aufgeräumt und meistens kein bisschen auf das Wesentliche konzentiert.
Natürlich werden auch ein paar rührselige Zutaten verbacken: die krebskranke Mutter, der plötzliche Demenzausbruch von Florians Vater, ein Besuch bei der stillenden großen Schwester, ein Regenbogengruß durch die lesbische kleine Schwester … Das evoziert Gefühle. Aber hallo. Das Leben ist manchmal kurioser als so mancher Roman. Das ist für mich völlig o.k. Nur die Szenen mit der Werbeagentur haben mich total genervt, weil ich das schon zu oft hatte, aber das scheint der Lebenshintergrund der Autorin zu sein, also durchaus authentisch.“ – „Und das Anspruchsvolle, von dem du getönt hast?“

„Der Stil ist vielleicht sogar für die vergleichende Literaturwissenschaftlicherin interessant. Wie in einem Live-Filmmittschnitt erlebt man als Leser alles in der absoluten Gegenwart. Präsens, kein Erzähltempus, nur: ‚ich denke, ich stehe, es ist …‘ Das hat mich fasziniert. Ich bin drin in den Gedanken der Protagonistin, unmittelbar und tief.“ – „Hmm …“ – „Zugleich war das ungewohnt. Trotz der absoluten Unmittelbarkeit, mit der ich dem aktuellen Gedankenfluss folge, falle ich immer wieder aus der Spur (ich habe hier Präsens verwendet!). Es wirkt eigentlich wie das Natürlichste von der Welt, weil man es selbst so erlebt und trotzdem ist es absolut unnatürlich, weil man eben doch in der Distanz des Lesers feststeckt und die Erzählperspektive irgendwo haltlos am Horizont verschwimmt. Was ist denn eigentlich die Erzählsituation, habe ich mich gefragt. Ist das ein Livemitschnitt ohne Kamera und Mikrofon? Aber es sind eben nur Sequenzen und zwischen diesen ist ein großer zeitlicher Abstand, also keine fortlaufende Gegenwart … Ich hab mich selbst dabei erwischt, wie ich viele Sätze schlicht als Präteritum gelesen habe und mir das viel sympathischer war. Ein wirklich interessantes literaturwissenschaftliches Thema.“ – „Das gibt es bei postmoderner Literatur öfters.“ – „Also ich kenn es bis jetzt kaum …“

„Sonst keine Fragen mehr?“ – „Ich würde das trotzdem nicht lesen.“ – „Ja, ein Marcel Proust ist es nicht, aber es geht eben auch nicht um Bienen, sondern darum, die Angst vor den eigenen Gefühlen zu überwinden. Das finde ich gut und würde es absolut weiterempfehlen.“ – „Du hast ja keine Ahnung von großer Literatur.“ – „Dafür liebe ich wirklich gut gemachte Unterhaltungslektüre, selbst wenn es um die großen Gefühle geht …“, sage ich und stöpsle mich aus dem neuronalen Link aus.

Kein Hindernis (…) hält Liebe auf. Was Liebe kann, das wagt sie auch.

William Shakespeare, Romeo und Julia

Der Rest ist Schweigen.

William Shakespeare, Hamlet

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3 Antworten

  1. Ich finde das Cover total süß und niedlich und würde genau deswegen und wegen des Titels das Buch niemals lesen.
    Es käme direkt in die Kategorie
    Liebesschnulze
    und Romantik in Bücher kann ich nur in ganz geringen Dosen vertragen.

  2. Vielen Dank für diesen wunderbaren Einblick – oder die völlig frei erfundene, literarische Anekdote. 🙂
    Die krebskranke Mutter ist übrigens nicht völlig frei erfunden und auch keine Zutat, sondern ganz echt und authentisch.
    Das Cover wiederum, das ist richtig, da hat man wenig Mitsprache – wobei mein Verlag mich da sehr freundlich einbezieht. Die Expertin darin bin ich nicht, und dem persönlichen Geschmack entspricht es auch selten, aber tatsächlich scheint es für die Zielgruppe genau das Richtige zu sein. Warum also nicht, damit man sich in der Flut von Neuerscheinungen zurecht findet?
    Die Perspektive, das Echtzeitpräsens, gibt es im Unterhaltungsroman oft – allerdings auch alle anderen Varianten von Perspektive, erlaubt ist also, was zur Geschichte passt.
    Danke fürs Lesen & für die Rezension / Geschichte über die Geschichte! Und nun viel Spaß beim Ausmisten. 🙂

    1. Der Dank geht an dich für das wirklich tolle und anregende Buch.
      Zum Cover …. Ähm … Ich habe deinen Beitrag auf Instagramm mit den Vorschlägen von dir für das Cover gesehen … und äh, hm … also …, wie soll ich es sagen … Es ist gut, dass es einen Verlag gibt 😉 Mag meine Beschränkung sein, aber ich finde die Tendenz zu diesen verniedlichenden Verzierungen überhaupt nicht passend, gerade wenn es um die großen Gefühle geht (auch in unterhaltender Literatur).
      Krebskranke Mutter … das tut mir sehr leid. In der Geschichte passt es psychologisch perfekt, dass Liv aus Trauer um ihre Mutter alle großen Gefühle ausgemistet hat, nur noch minimalistisch emotional empfindet und in dieser Hinsicht sogar naiv oder verarmt wirkt. Und dann merkt sie, dass man genau „dieses Gefühl nicht entsorgen kann“ (387): die Liebe, weder die traurige Seite davon, noch die schöne.
      Im Übrigen machen aber autobiographische Bezüge eine Fiktion nicht zwingend besser. Vermeintlich kann sich ein/e Autor*in besser in eine selbst durchlebte Situation eindenken, vielleicht verstellt die eigene Befangenheit aber auch den Blick für das erzählerisch oder psychologisch Stimmigere, insofern ist authentisch, finde ich, relativ … so relativ wie die Szene auf dem grauen Sofa und wie der Kultur-Ignorant aus meiner Geschichte … 😉

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