Inspector ermittelt im magischen London

Lesedauer: 8 Minuten

Torsten Weitze: Nebula Convicto. Grayson Steel und der Verhangene Rat von London ()

Nebel und dunkle Wolken über den mittelalterlichen Silhouetten verleihen London sein mystisches Flair. Und auch der schwarze Humor seiner Einwohner tut sein Übriges, denn sie werden nie müde, Mord-, Schauer- und Geistergeschichten über ihre geliebte Stadt zu erzählen. Soll ein Krimi vor magischem Hintergrund spielen, ist die englische Weltstadt sicher erste Wahl. Vielleicht dachte sich Torsten Weitze genau das, als er „Nebula Convicto“ konzipierte, denn die Handlung spielt im Herzen der Stadt mit einem geheimen Machtzentrum genau unter dem Westminster Palace.

Mit „Der 13. Paladin“, einer Geschichte um den Waldläufer Ahren, hat sich Torsten Weitze einen Namen in der Szene gemacht. Der klassische Coming-of-age High Fantasy ist 2017 gestartet und steht aktuell beim 10. Band – mein jüngster Sohn hat sich übrigens alle reingezogen (im Alter von 12-13). Parallel (2017) begann der gebürtige Nordrhein-Westfale seinen Roman über einen Scotland Yard Inspector im modernen London, von dem bis jetzt 4 Bände erschienen sind. Mit beiden Reihen ist Torsten Weitze unter die 50 bestverkauften Fantasywerke bei Amazon aufgestiegen und hat dort für den ersten Band von Nebula Convito mit fast 400 Bewertungen eine fantastische Note von 4,7/5 erreicht, obwohl die publizierenden Verlage (acabus, bene) zu den Kleinsten in der Branche gehören. Auf anderen Buchportalen wiederum (z.B. LovelyBooks) finden die Bücher vergleichsweise wenig Resonanz – ein interessantes Phänomen … Hat Amazon etwa ein bestimmtes Fantasy-Leseklientel?

Der tolle Erfolg ist allemal ein Grund, sich eines der Bücher für eine Besprechung herauszugreifen und einfach mal mit anderen zu vergleichen.

Die Handlung

Kurz zu meinem „Rezeptionsverhalten“: Hörbuch in der Nacht war nicht die beste Methode. Nicht weil ich um meinen Schlaf gebracht worden wäre, sondern weil ich ständig weggedämmert bin und viele Szenen öfters von vorne beginnen musste. Das sagt aber nur etwas über meinen Zustand am Abend und nichts über das Buch. Ich erwähne das nur, weil ich die Geschichte somit gar nicht an einem Stück wahrgenommen habe, sondern immer in Schleifen, obwohl sie eigentlich total plan und geradlinig aus einer Perspektive und in strikter zeitlicher Abfolge erzählt ist. Mir fällt es trotzdem schwer, sie auf die Reihe zu kriegen … Aber dazu später. Jetzt zur Handlung:

Grayson Steel wird als Sonderermittler von New Scotland Yard zu einem Mord in einer nebligen Seitenstraße im Norden Londons gerufen. Während die Spurensicherung den Tatort untersucht, sondiert er die Umgebung und meint eine große Gestalt, vielleicht den Mörder darin zu erkennen. Kaum zurück ist die Leiche bereits abtransportiert, aber eine seltsame Münze liegt an dem verwaisten Platz. Er nimmt sie an sich – ein kleiner Funke springt über … und etwas passiert.

Während er nach dem Ursprung der Münze forscht, wird Grayson von einer alten Dame angegriffen, die sich in eine riesige Banshee (musste ich auch nachschlagen) verwandelt. Der Inspektor kann sie letztendlich besiegen, aber er bricht vor einer durchlöcherten, menschlichen Leiche zusammen.
Grayson Steel sieht dem Ende seiner Karriere und dem Gefängnis entgegen. Dann erscheint im Verhöhrzimmer Morgan Worthington wie ein Mafiaanwalt, erklärt dem überraschten Inspektor, dass dieser ein Lacunus ist und das besondere Talent besitzt, die magischen Kräfte anderer zu neutralisieren. Der aristokratische wirkenden Mann befreit ihn mit juristisch lupenreinen Entlassungspapieren aus dem Polizeigewahrsam und dem Versprechen alles zu erklären.

Graysons neuer Beschützer Morgan ist ein Magus, ein Magier, der ihn aufgrund seiner seltenen Fähigkeiten im Namen des Verhangenen Rats von London für eine Ermittlung engagieren will. Die Tochter der Ratsvorsitzenden wurde entführt, weshalb die magische Welt in Aufruhr versetzt ist. Trotz Bedenken nimmt Grayson den Auftrag an und wird in einer Versammlung kuriosester Wesen unter dem Westminster Palace als Sonderermittler (Quästor) eingesetzt.

Die Suche nach dem Mädchen führt Grayson Steel an die verrücktesten Orte, wie eine Bar im Stadtteil Soho, das Traumfänger, in dem Alpträume gefangen und den magischen Wesen mit Jagdinstinkten zur Verfügung gestellt werden, damit sie nicht töten müssen. Ghule, Trolle, Minotauren, Vampire, Dämonen, Zwerge, Feen, Elfen, Geister und hunderte andere Wesen, welche die Ecyclopädia Nebulae verzeichnet, sind in der anderen Welt anzutreffen und nicht alle halten sich an die Regeln, so dass er mit seiner Gabe, die magischen Kräfte anderer zu neutralisieren, so manchen Kampf bestehen muss und schnell begreift, dass hier härtere Methoden gefragt sind.

Zwei weitere Mitglieder stoßen während der Arbeit zu dem Ermittlungsteam, der Quadriga, hinzu. Neben ihm als leitenden Quästor und dem Magier Morgan, vervollständigt Ritter Richard als Custus (Beschützer) und die Dämonin (halb Mensch, halb Sukkubus) Shaja als Sagitaria (Schützin) zu einer effektiven und schlagkräftigen Truppe. Gemeinsam steigen sie tief in die Unterwelt Londons hinab und entdecken eine feindliche Enklave in uralten U-Bahnschächten, die sie mehr oder weniger absichtlich zerstören.

Als sie schließlich das Mädchen Sophia in einem Labyrinth finden, müssen sie erst die verschiedenen Parteien im Verhangenen Rat raffiniert gegeneinander ausspielen, um sie von dort befreien zu können. Der erste Fall ist gelöst, die Quadriga erprobt, weitere Herausforderungen können folgen.

„Nebula“ bedeutet übrigens sowohl im Englischen wie im Lateinischen „Nebel“, „Convicto“ könnte aus „convictio“ (lat.) für „Gemeinschaft“ abgeleitet sein, also eine Umschreibung für den Verhangenen Rat.


„Magie existiert und magische Wesen auch. (…) Haben sie es im Kino gesehen oder in einer Sage gehört, hat es mindestens einen wahren Kern.“
(83)

Fantasy, Mystery, Thriller, Krimi, Jugendroman oder sonst etwas?

Immer diese Einordungsversuche, könnte man unken, aber es hilft für eine erste Annäherung: Wo im literarischen Universum bewegt sich der Roman mit seiner Erzählkunst?

Ein Stephen King ist Nebula Convicto schon mal nicht. Am Anfang kommt zwar ein bisschen mystische Stimmung im Londoner Nebel auf, aber mysteriös geht anders. Der altkluge Magus erklärt im Verlauf der Geschichte die magische Parallelwelt unter dem Westminster Palace in einer Gründlichkeit, die wenig Geheimnisvolles offen lässt. Überhaupt erfahren wir als Leser*innen fast seitenwendend, was vorher vielleicht ein bisschen offen war. Definitiv kein Mystery.

Ein Krimi vielleicht? Immerhin ermittelt Scotland Yard, ein Mord geschieht und ein entführtes Kind muss aus den Fängen eines skrupellosen politischen Agiteurs befreit werden. Aber das reicht nicht. Der Mord wird schon nach weniger als 80 Seiten als Übergriff aus der magischen Dimension aufgeklärt. Auch die klassische Detektion (Detective Story) fehlt, also das Enthüllen der einzelnen Details und Zusammenhänge des Verbrechens bis zur Überführung des Täters. Die Einsetzung eines Ermittlungsteams, das im Auftrag einer verborgenen Gemeinschaft agiert, erinnert zwar an zahlreiche Crime-Serien oder an das altbewährte Alpha-Team mit seinen Nachfolgern, mehr aber noch an die typische Queste, bei der gemeinsam ein fantastischer Fall zu lösen ist.

Und ein Dan Brown? Wir haben eine Art Geheimen Bund (wie die Illuminati) und fortwährende Kämpfe. Aber für einen Thriller fehlt die atemlose Spannung und nahtlose Action (Verfolgung, Enthüllung, Intrigen, etc.) und für einen Psychothriller gar die ausführlichen Einblicke in die Charaktere und deren dunkle Motive. Überhaupt finden wir bei den Protagonisten nur edle Menschen, vielleicht mit ein paar Schrullen und ein wenig Exzentrik, aber durch und durch integer. Das macht es nett, aber nicht unbedingt komplex oder übermäßig spannend.

Für einen Jugendroman spricht dagegen einiges. Mein Sohn mag Nebula Convicto – o.k. das ist kein Kriterium. Aber davon abgesehen, haben es die jüngeren Leser gerne klar und einfach wie im Marvel- oder DC-Imperium. Die Akteure sind alle erwachsen, dafür aber recht eindimensional (man könnte auch stereotyp sagen), allerdings – das sei dem Autor gerne zugestanden – immer mit einem Quäntchen Besonderheit. Nehmen wir die Charaktere der Quadriga: Grayson ist der typische Einzelgänger, liebt Kaffee (nicht Tee!), hat sonst nichts im Leben außer seiner Ermittlungsarbeit. Morgan, der Magier, brilliert als englischer Gentleman mit arrogantem Einschlag. Richard bleibt ganz der edle Ritter, der er immer schon war. Und Shaja ist jung, frech und draufgängerisch. Beim Schwur, der das Quartett zur Quadriga verbinden soll, kam ich mir dann vor wie bei 5 Freunde und hatte urplötzlich einen leichten Anfall von Fremdschämen. Ähnlich schlicht wirkt die weltenbauliche Behauptungen, dass der mittelalterliche Pestausbruch auf einen Magiefehler zurückzuführen sei (Autsch!) oder dass „London Eye“ – das Riesenrad am Flußufer – die Stadt magisch überwache …

Zweifelsfrei ist der Roman Nebula Convicto ein Urban Fantasy. Unvermittelt bricht in den normalen, modernen Alltag des Kriminalbeamten die sagenhafte Parallelwelt ein, in diesem Fall die magischen Wesen von London – in späteren Bänden dann die von Hamburg, Paris, Rom … Darauf gehe ich noch ein bisschen ein.

Ein Vergleich im Urban Fantasy

Um es mal ein bisschen gelehrig auszudrücken: Kein literarisches Werk steht ganz allein im Kanon des weiten Genres und „Nebula Convicto“ hat mindestens drei große Urban-Fantasy-Vorgänger, mit denen es sich messen muss – jedenfalls bei mir.

In den Dresden-Files von Jim Butcher (engl. ab 2000) berät ein hard-boiled Privatdetektiv, dessen Büro-Türschild ihn als „Magier“ ausweist, die Polizei in Chicago bei besonderen, unerklärlichen Fällen. Das Szenario ist realistischer, dunkler und ernster, die fantastischen Elemente sind dosierter und pro Fall oft auf eine bestimmte Gruppe magischer Wesen fokussiert, über die man viel erfährt. Crime, Mystery, Paranormal verbinden sich zu einer reizvollen Melange. Daneben wirkt Nebula Convicto wie ein fröhliches, farbenfrohes, aber auch zu schrilles Kunterbunt.

Ben Aaronovitchs Polizeianwärter Peter Grant wird bei einem mysteriösen Mord in London von der Ein-Mann-Abteilung für magische Fälle angeheuert und als Magielehrling aufgenommen. Die Flüsse Londons (engl. ab 2011) ist literarisch viel verspielter, die Handlung auf eine schwarzhumorige Weise skurril. Der in London geborene Autor schildert die verschiedenen Milieus der städtischen Gesellschaft recht plastisch, manchmal im Spiegel von real gewordenen Mythen wie den Familienclans der Flussgötter. Während Die Flüsse Londons dazu neigt, den Leser leicht in Verwirrung zu stürtzen und zum Nachdenken anzuregen, ist Nebula Convicto völlig geradlinig, klärt alles auf und lässt einen bedenkenlos voranschreiten.

In Bendict Jackas Das Labyrinth von London schließlich (engl. ab 2012) gerät ein Hellseher in den Konflikt zwischen Dunkel- und Lichtmagiern, die ein altes magisches Artefakt in ihren Besitz bringen wollen und dummerweise dafür auf die Fähigkeiten von Alex Verus angewiesen sind. Der Erzählstil ist dem von Nebula Convicto am Ähnlichsten – Kampfszenen wechseln sich mit Dialogen und inneren Monologen ab, man taucht aber tiefer in die Gedanken der Hauptperson ein und versteht auf diese Weise mehr von der inneren Psychologie der Handlung.

Überhaupt vermitteln die beiden Engländer ungleich mehr Atmosphärisches von der großartigen Stadt an der Themse, während ich es bei dem Werk des Deutschen sehr vermisst habe, an die Plätze und Straßen in London versetzt zu werden und auf der Karte die Aktivitäten der Ermittlung zu verfolgen. Vielleicht wäre Krefeld oder Berlin als vertrauter Schauplatz letztlich besser gewesen.

Subgenre literarepischer Egoshooter

Mir fehlt noch ein prägnanter Begriff, aber am ehesten würde ich Nebula Convicto von Torsten Weitze unter das Fantasy Subgenre literarepischer Egoshooter einordnen: immer aus einer Perspektive geschrieben, ausführliche Erkundungs- und Kampfszene wechseln sich mit Dialogepisoden ab, in denen einige Hintergründe zum Verständnis erläutert werden (wie Zwischenszene bzw. Cut Scene im Game) – ein Muster, das aus der Pen&Paper-Welt über modernere Formen von Computerspielen und Comic-Verfilmungen seit Jahren Einzug in die Fantasy-Literatur gehalten hat. Gar mancher hält diesen Stil, den auch bekannte Autoren wie Kai Meyer und Richard Schwarz prägten, für Fantasy schlichthin. Weit gefehlt!

Fazit

Und wie hat mir Nebula Convicto eigentlich gefallen? Ehrlich gesagt: ganz o.k. Für Jugendliche – und alle, die sich ein Gemüt bewahrt haben, das sorgenfrei und gedankenlos in eine fantastische Welt abtauchen kann – dürfte es sogar eine spannende Lektüre sein, denn die fantastischen Elemente sind einfallsreich und witzig präsentiert, ganz im Stil aktueller Comic-Verfilmungen. Auch sprachlich bietet Torsten Weitze sehr kreative Passagen, die locker und trotzdem sorgfältig geschrieben sind und intelligent rüber kommen.

Den alten Nerd allerdings fesselt dieser Roman nicht an den Kaminsessel. Leider nicht. Zu viel Action, zu wenige Mystisches, nichts Psychologisches, kein Nachdenken, nur Unterhaltung – das aber nicht gerade schlecht. 

Torsten Weitze:  Nebula Convicto. Grayson Steel und der Verhangene Rat von London, Acabus 2017; Audible/ Lausch Medien 2021, gesprochen von Günter Merlau.


Hintergrundinfos:

Die Webseite des Autors.

Andere Blog-Rezensionen:

Jürgen Seibold auf Hysterika (05.2018)

Annabel auf Bookdemon empfiehlt die Lektüre (02.2018)

Wussten Sie zum Beispiel, dass das erste amtliche Opfer der Pestepedemie von 1665, an deren Ende London in Flammen aufging, auf dem Friedhof von St. Paul’s begraben liegt? Das und noch vieles mehr lernte ich schon in den ersten zehn Minuten, als ich Schutz vor dem eisigen Winde suchte.
Das Mordermittlungsteam hatte den westlichen Teil der Piazza mit ein
em Band abgesperrt,das sich über die Einmündungen der King Street und Henrietta Street sowie über die gesamte Vorderseite des Markthallengebäudes spannte. Ich bewachte das eine Ende vor der Kirche, wo mir die Säulenvorhalle ein wenig Schutz bot.

Ben Aaronovitch, Die Flüsse von London, dtv 2012 (engl. 2011), 7 f.

London bei Nacht ist einfach unglaublich. Die Straßen folgen anders als in anderen Städten keinem Raster, sondern sie winden und schlängen sich, und von oben sieht man sie alle von Straßenlampen beleuchtet. Die Parks sind Schattenflecke, die Hauptstraßen glühende Flüsse. Die Themse ist eine dunkle Schlange, die sich durch das Zentrum windet (…).

Benedict Jacka, Das Labyrinth von London, blanvalet 2018 (engl. 2012), 149 f.

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