Alles darf sein. Wertfrei. Auch Mord.

Lesedauer: 4 Minuten

Zwischendurchgelesen: Karsten Dusse, Achtsam Morden (2019)

Wenn man nur die richtige Haltung hat, kann auch das Leben nicht anders und meint es gut mit einem. Womöglich. Jedenfalls ist mir das Buch auf diese Weise zugelaufen. Ehrlich!

Meine erste craniosacrale Massage hatte mich in einen dermaßen glückseligen Entspannungszustand versetzt, dass alles kommen musste, wie es kam. Ganz zentriert und bei mir lockte mich das fröhlich grüne Gemüse, lustig gepunktete Erdbeeren und strahlend-backige Äpfel auf meinen Lieblingsstand. Der Wochenmarkt. Natürlich packte mir die nette Frau weitere neue Sorten oben drauf. Umsonst. Meine Augen strahlten. Grüße an die Familie. Trotz Maske werde ich heute erkannt. Dann spontan der kleine Umweg an der Kirche vorbei. Nanu? Eine Bücherkiste vor der Sakristei. Etwas leuchtet rot, Steine, ein Kreuz obendrauf.
Nimm mich mit! – Ja klar. Dich habe ich schon lange gesucht. Ich wusste nicht, dass du ausgerechnet hier bist.
So haben wir uns gefunden.

Mord ist nicht mein Hobby. Psychologie schon. „Achtsam Morden“ wollte ich seit langem lesen, spätestens als es mich aus dem Schaufenster einer geschlossenen Buchhandlung entdeckt hat. Die Kombination von Achtsamkeit und Mord ist so bescheuert, dass es schon wieder gut sein muss, zumal der gelernte Jurist sich in seinem Buch auf den inzwischen weltberühmten Achtsamkeitsguru Joschka Breitner beruft (siehe Bild oben) und somit fachlich gar nichts falsch machen konnte. Jetzt war nur die Frage, ob der Dusse den Krimi so hinkriegt, dass ich mich nicht langweile.

Kriminologisches …

Lasst mich überlegen: Wann habe ich eigentlich meinen letzten Krimi gelesen? Oh Gott, ich kann mich kaum mehr erinnern. Einer der ersten von Elizabeth George müsste das gewesen sein, also so die halbmodern viktorianische Spielart, aber das ist … tatsächlich 30 Jahre her. Gut. Dann bin ich also definitiv auf diesem Gebiet ein unbedarfter Laie, aber so was von, und muss nicht klug tun.
Subjektiv darf ich sein, vielleicht achtsam, aber jedenfalls kann ich schreiben, wie ich empfinde. Das befreit. Ich fühle mich sicher mit meiner Rezension. „Unsicherheit und Sicherheit sind irrationale Gefühle, die Sie selbst steuern können“, sagt Joschka Breitner (bei Karsten Dusse, 193). „Spüren Sie, wie Sie sich selbst ein Gefühl der Sicherheit geben können.“ Ja. Hab ich gemacht. Dann mal los.

Das Titelbild ist toll. Der Krimi auch irgendwie … Mist. Als Buchblogger hat man es nicht leicht, wenn man keine Ahnung von der Materie hat. Der Stil hat mich ein bisschen an Hans Raths Bücher erinnert, aber der schreibt, glaube ich, gar keine Krimis … Oder etwa doch?
Hm. Von der Psychologie verstehe ich mehr. Ist als Terrain sicherer. Ich entscheide mich für die Sicherheit. Habe ich achtsamerweise ja in der Hand.

Psychologisches …

Alles darf sein. Wertfrei. Auch Mord.

Achtsamkeit ist ein psychologischer Ansatz, keine Esoterik, selbst wenn manches so klingt. Es hat etwas mit Selbstannahme im Hier und Jetzt zu tun. Weg mit den negativen und kritischen Gedanken, die einen ständig belagern, rein in die Freiheit der Entscheidung, was mich denkt und fühlt. Spüren, erleben, ohne zu bewerten. Die Prinzipien sind relativ einfach, die Praxis ein wenig schwerer, der Effekt überraschend.
Wusstet ihr, dass ein ganzer Forschungszweig mit mehreren Ausprägungen in der sogenannten klinischen Psychologie existiert, der sich damit intensiv beschäftigt (MBSR, ACT, etc.)? Der theoretische Hintergrund ist also durchaus ernst zu nehmen und auch ernst gemeint. Dass Karsten Dusse die Achtsamkeit schätzt, erfährt man nicht erst im Nachwort. Auch die intensive Auseinandersetzung mit deren Prinzipien in den Gedanken des Anwalts Björn Diemel besitzt mitunter Ratgeber-Qualität. Da hat sich einer wirklich mit dem Thema beschäftigt. Hut ab Herr Dusse.
Achtsam Morden ist also eine entspannte Lektüre über eine interessante psychologische Methode. Ach ja, wäre da nicht eine Kleinigkeit, die Björn erst so richtig auf den Geschmack bringt: Das Morden.

Erzählerisches …

Zuerst passiert es als unterlassende Problembeseitigung – der Kanzlei-Kunde und Mafiaboss Dragan muss untertauchen, wird im Kofferraum von Anwalt Björn transportiert und bleibt dort einfach drin, weil der Vater Vater seiner Tochter sein will und nichts anderes. Nach den Prinzipien der Achtsamkeit richtig, im Ergebnis befreiend, nur nachteilig für den Verbrecher, der im Kofferraum stirbt und anschließend zerstückelt im See endgültig untertaucht. Weil die Probleme damit trotzdem nicht enden, sondern leider erst beginnen, muss unser Anwalt nach allen Regeln der Achtsamkeit im Verbrechersyndikat seines ehemaligen Mandanten aufräumen und die Gefahren für seine Tochter und Familie beseitigen. Für alles hat Joschka Breitner, der besagte Guru, den richtigen Leitspruch, trifft den Nagel auf den Kopf, den Sargnagel für drei weitere Mafiosi und einen korrupten Bullen.
Passt das zusammen? Der Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ sagt ja.

Konstruiertes …

Für eine Parodie eines psychologischen Themas nimmt sich das Buch zu ernst. Für einen Krimi ist es zu sehr Parodie. Für eine sozialkritische Persiflage gar auf die Eltern, ihre Kindergartennöte und die Juppie-Männer/Frauenprobleme sind mir die Sprüche mitunter fast zu peinlich.
Kann man eine Parodie machen und etwas gleichzeitig ernsthaft meinen? Laut Definition nennt sich das schwarzer Humor. Der wiederum kann einem gefallen oder auch nicht.

Das ganz Buch ist konstruiert, aber natürlich hervorragend gemacht, wie ich finde. Mit wenigen Ausnahmen passen Handlung und Achtsamkeit auf eine witzig-kreative Weise zusammen. Mir hat es meistens Spaß gemacht, richtig auf- oder ablachen musste ich allerdings nur zweimal, und ab und an war ich ob der Trivialisierung auch ziemlich genervt. Das mag aber mehr über die Humorlosigkeit des Lesenden aussagen als über die Lektüre selbst.  

Abschließendes …

Alles darf sein. Frei von Bewertung.
Immer wenn ich jetzt achtsam sein will, schießt mir durch den Kopf, ob ich damit jemanden umbringen könnte. Aus Versehen. Womöglich. Und weil ich mir manchmal nichts sehnlicher wünsche, als dass ich diese Idioten … Ernsthaft. Blut klebt an meinen Gedanken …
Aber ich muss mich nicht dagegen wehren. Alles darf sein. Und wenn es so ist, dann ist das abgrundtief Blutlüsterne auch ein Teil von mir.
Willkommen!

Deshalb wolltest du zu mir. – Ja. Aber ich war schon da

Ich muss unbedingt wieder mehr Krimis lesen. Danke, liebes Leben, dass du dich um mich kümmerst und mir ungefragt gute Tipps gibst, die meiner Seelenhygiene dienlich sind. 

Was können wir (…) tun?
Aufhören, uns fortwährend zu bewerten und selbst zu verurteilen. Den Versuch unterlassen, uns ständig als „gut“ oder „schlecht“ zu etikettieren, und uns selbst einfach mit offenem Herzen akzeptieren. Uns mit derselben Freundlichkeit und Fürsorge und mit demselben Mitgefühl behandeln, das wir einem guten Freund oder vielleicht sogar einem Fremden entgegen bringen würden (…). 

Kristin Neff, Selbstmitgefühl, kailash 2012, S.17

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