Über was wir reden … Teil 1: Boomende Fantasy?

Lesedauer: 5 Minuten

Viele der Fantasy-Leser sind dies von Herzen und mit Leidenschaft. 
Natürlich gehöre auch ich dazu. 
Blockbuster wie GoT (Game of Thrones) und LotR (Lord of the Rings) geben uns recht. 
Und die absoluten Top-Highseller der gesamten Buchbranche wie Harry Potter oder Stephenie Meyers Bis(s)-Serie bestätigen ein unumstößliches Faktum:
Fantasy ist allzeit gegenwärtig und in!

Andere Genres mögen ebenso ihre Anhänger haben, aber – abgesehen von SyFi – ist die Fangemeinde für Fantasy gefühlt riesig – überaus aktiv, präsent und emotionalisiert, im Netz, bei Conventions und den Buchmessen (sobald sie wieder stattfinden).
Für nüchterne Einschätzungen ist da kein Platz.
Schade nur, dass die Fantasie nicht wegzuzaubern vermag, wie die Realität tatsächlich aussieht. 

Über was reden wir, wenn wir von Fantasy auf dem (deutschen) Buchmarkt sprechen?

Obwohl der Begriff „Fantasy“ letztlich irreführend ist – was ich später zeigen werde – und nicht ansatzweise ein einheitliches Literaturphänomen umschreibt, hat er sich so fest etabliert, dass er nicht mehr wegzudenken ist. Man wird also kaum umhinkommen, „Fantasy“ weiterhin als eine Art Zuordnung für ein Marktsegment im Buchhandel zu verwenden, aber dennoch genauer zu differenzieren, was sich dahinter verbirgt. Die üblichen Trennlinien wie High, Low, Dark oder Urban Fantasy helfen zwar ein wenig, sagen aber mehr über das Gesamtsetting aus (wo, bzw. in welchem Milieu die Handlung spielt) als über den Stil und die Art des Schreibens.

Der „Belletristik“ geht es in dieser Hinsicht nicht besser. Sie ist der Oberbegriff für alles Literarische in Erzählform und umschließt in vergleichbarer Unschärfe Historien- und Liebesromane, Postmodernes und Poetisches, aber ebenso Thriller, Krimi und natürlich Fantasy und vieles mehr. Literatur­preis­träger­Innen befinden sich hier in direkter Gesellschaft mit AutorInnen von Endlos-Serienwerken und – entschuldigt – Herz- und Heimatschnulzen … (auch dies werde ich noch genauer erläutern).

Warum erkläre ich das? – Weil wir nur so zu einer realistischen Einschätzung kommen, wie groß der Markt für Fantasy-Bücher tatsächlich ist und was man unter diesen Bedingungen erwarten kann, dort anzutreffen.

Um Fantasy wird ein großer Hype gemacht. Bücher wie Harry Potter (500 Mio), Herr der Ringe (150 Mio) und die „Bis(s)-Reihe“ (160 Mio) sind absolute Topseller und brechen alle weltweiten Verkaufsrekorde über sämtliche Genregrenzen hinweg. Aber das sind einzelne Highlights, die so sehr im Fokus stehen, dass sie den Blick auf den Rest verstellen.

Schauen wir uns die Zahlen an, soweit sie zugänglich sind, nüchtern und objektiv.

Üblicherweise wird die Sparte Belletristik unterschieden vom Sachbuch-, Schul-/Bildungsbuch, der Kinder- und Jungendliteratur und einigen anderen. Beim Bücherumsatz mit einem Gesamtvolumen von grob 9 Milliarden EUR im Jahr (2019) in Deutschland und rund 70.000 neuen Titeln fällt auf die Belletristik ca. 31 %. Davon wiederum sind nach Angaben des Verbands des deutschen Buchhandels nur ca. 6 % Fantasy und Science Fiction, also vermutlich 3-4 %, wenn der SyFi-Anteil rausgerechnet ist.

Wir sprechen demnach über das recht schmale Segment von etwas über 1 % des Gesamtumsatzes am Buchmarkt. Bei fast 600 Millionen im Jahr  verkauften Büchern in Deutschland wären dies 6 Mio. Fantasybücher. Bezieht man mit ein, dass Belletristik im Vergleich zu anderen Bücher günstiger ist, wäre die Anzahl von max. 8 Mio. verkauften Exemplaren anzunehmen (ähnliche Zahlenwerte ergeben sich auch aus einer älteren Studie).

Das ist nicht nichts. Aber wenn man ehrlich ist, wirtschaftlich völlig unbedeutend, selbst wenn es für Fantasy-Fans gefühlt anders erscheint. Auch ich bin mit Erschrecken über diese Zahlen gestolpert.
Soll ich den Blog also wieder einstellen? Und die schriftstellerische Tätigkeit auf ein anderes Genre verlegen?

Mal langsam! Wie gesagt, „Fantasy“ ist ein schillernder Begriff. Wir haben noch die Kinder- und Jugendbücher vergessen, die immerhin weitere 18,5 % am Gesamtumsatz in Deutschland ausmachen. Auch Bücher, die von allen Altersgruppen gelesen werden, sogenannte All-Ager wie Harry Potter, zählen innerhalb der Verlagsprogramme zur Jugendliteratur. Insgesamt sind Geschichten mit fantastischen Elementen in den Segmenten bis 11 Jahre  (ohne Vorlese und Bilderbücher) und ab 12 Jahren, zusammen 41 % der Kinder- und Jugendbücher, gut vertreten, vielleicht 20-30 % – geschätzt durch einen Blick auf die aktuellen Verlagsprogramme und die Bestsellerliste des deutschen Buchhandels (genauere Zahlen konnte ich bisher nicht ermitteln). Rechnet man das um, dürfte der Fantasyanteil beim Kinder-/Jungendbuch weitere 1,5-2 % des Gesamtumsatzes im Buchmarkt betragen.

Fassen wir also zusammen:

Was heißt das Lebensalltags-praktisch?

Laut einer Umfrage erwerben 30 Millionen Deutsche im Alter ab 11 Jahren ein oder mehrere Bücher im Jahr. Wenn man davon ausgeht, dass nur jedes 30ste Buch ein Fantasy-Buch ist, dann hätte höchstens jeder 100ste Deutsche ein Fantasy-Buch auf dem Nachttisch liegen. Bringt man in Anschlag, dass Fantasy-LeserInnen eher WiederholungstäterInnen sind (und 3-10 Bücher im Jahr verschlingen), könnte es sogar sein, dass man selbst unter der lesenden Bevölkerung nur bei jedem 100sten bis 300sten auf ein Werk aus diesem Genre trifft.
Und noch konkreter: In meinem Stadtteil mit rund 15.000 Einwohnern hätten im besten Falle 60, vielleicht aber auch nur 30 oder weniger MitbürgerInnen im letzten Jahr ein Buch aus der Sparte Fantasy gelesen. Dank Nachbarschaftapp könnte ich bestimmt die eine oder den anderen von ihnen aufstöbern, aber zufällig über den Weg laufen würden sie mir wohl kaum.
Das ist zugegeben ein wenig rechen-hypothetisch, aber ehrlich: Mich wundert jetzt gar nichts mehr. Denn diese Erfahrung habe ich am eigenen Leib gemacht:
Natürlich musste mein Freundeskreis im letzten halben Jahr dazu herhalten, ein brandneues Fantasy-Werk zu lesen (ihr wisst schon welches ;-). Leider waren die wenigsten darauf vorbereitet. Ein paar hatten Harry Potter gelesen, zumindest einen Band, weniger noch den Herr der Ringe, manchmal auch nur den Hobbit. An Stelle drei folgte der Name des Windes, auf den sie verbüffenderweise aufmerksam wurden, ohne die alten und neuen Klassiker zu kennen. Dann wurde es allerdings bereits zappenduster, von meinem Kunstprofessorfreund abgesehen, der mit Sicherheit der Belesenste in der Runde ist. Aktuelle Titel kannten nur zwei …
Man kann sich natürlich fragen, was ich für Freunde habe … Aber jedenfalls kann ich ihnen nicht vorwerfen, dass sie allzu sehr aus dem Durchschnitt fallen würden.

Fantasy zu lesen ist schlicht nicht sehr weit verbreitet …

Wenn ich schon mal dabei bin, Dämonen aus der Hölle heraufzubeschwören, dann sollte ich den einen nicht unvergessen im Feuer schmoren lassen: Das Segment Fantasy für Erwachsene wie Belletristik überhaupt ist derzeit in der Tendenz rückläufig, Fantasy leider noch stärker als andere ( 2018: – 5 %) und das schon mit kleineren Schwankungen seit 10 Jahren.

Wagt man den Vergleich zu einem angrenzenden Genre wie dem Krimi (vgl. die Zahlen im Börsenblatt), dann drängt sich eine ziemlich finstere Erkenntnis auf:
In deutschen Buchhaushalten wird unter Erwachsenen fast 10 mal mehr konventionell gemordet, als mit Avada Kedavra oder Andúril gegen übernatürliche Feinde gekämpft.
Bezieht man die Kinder- und Jugendzimmer mit ein, dann geschehen in deutschen Wohnungen immer noch 2-3 mal mehr Morde als Begegnungen mit phantastischen Wesen … 

Arme Fantasy.

Eiskalt erwischt. Und dann auch noch der schlechte Ruf …

Diese bittere Pille lasse ich euch, die ihr das lest und vermutlich eingefleischte Fans seid wie ich, erst mal verdauen. Aber Achtung! Der nächste Artikel wird noch mehr Magengrummeln bringen oder euch womöglich in die dunkelsten Tiefen zerren.
Letztlich aber werden wir geläutert aus dieser Queste hervorgehen und in lichtere, fast sonnige Gefilde aufsteigen … Vielleicht … 

Wir lassen uns doch nicht entmutigen, oder?

Alle wesentlichen Dinge sind einfach, wenn man sie erst einmal begriffen hat. Schwierig ist nur der Weg, den man bis dahin gehen muß .“  

Hans Bemmann, Stein und Flöte, Weitbrecht in K. Thienemanns Verlag 1983/1993, S. 646

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