Fantasy schreiben … und über Fantasy schreiben

Lesedauer: 5 Minuten

Fantasy schreiben … und über Fantasy schreiben

Vermutlich macht man entweder das eine oder das andere. Aber beides? Und dann auch noch auf eine Webseite gepackt … Ist das sinnvoll? Passt beides zusammen?

Normalerweise stehen in einem Lager die Fans und Vielleser von Fantasy, die konsumieren und Rezensionen schreiben, etwa auf der Phantastik Couch und LovelyBooks, oder auch fleißig Buch bloggen wie der Bluecherblog (sic!), Tanja und die Weltenwanderer-in Alexandra.

Ihnen gegenüber reihen sich die Fantasy-Autoren, achtzig Prozent Angelsachsen, ein paar berühmte deutsche, viele im Netzwerk PAN e.V., sowie einige Independents.

Als dritte und ungeliebte Partei kommt die wissenschaftlich institutionalisierte oder selbstberufene Literaturkritik ins Spiel, deren Vertreter die Fantasy gerne als Randphänomen abtun und in die Ecke von Groschenheften und Schauerromanen stellen. billig, populär und voluminös“ seien die Werke, hört man immer noch laut durch die akademischen Hallen ( www.literaturkritik.de) tönen …

Gibt es Autoren, die über das Schreiben und ihr Genre reflektieren?

Und ich meine damit nicht, über den eigenen Roman zu sinnieren oder sich epilogisch zu ergehen, wie man zu der Story kam oder ähnliche völlig irrelevante Dinge für den literarischen Output.
Ja, es gibt Autoren, die sich auch mit der Materie und Beschaffenheit ihres Mediums selbst beschäftigen. Leider sind es nicht viele, wenngleich ich ein paar nennen könnte und ich diese gewiss bei nächster Gelegenheit zitieren werde. Aber unter deutschen Fantasy-Autoren … Da kenne ich so gut wie keinen (Ausnahme mit Einschränkung: Helmut W. Pesch, Hans Bemmann. Ansonsten: Bitte belehrt mich eines Besseren!).

Die Sonne der Popularität genügt bei den Wenigen, die es geschafft haben, und der Mantel des Schweigens hüllt in Dunkelheit, welches Schattendasein das Genre im gesamten Literaturbetrieb fristet …

Aber schauen wir doch mal umgekehrt:

Schreiben die Literaturkritiker schöne Literatur?

Der Altmeister harscher Kritik, Marcel Reich-Ranicki, hat nichts wirklich Literarisches zuwege gebracht – Anthologien und Fachbücher, ja, passabel geschrieben, aber auch in sehr belehrendem Ton, mehr nicht. Oder Dennis Scheck? Er ist eher Büchermissionar als Literaturkrititiker, obgleich er so gehandelt wird, hat sich in sympathischer Weise als Liebhaber von Fantasy geoutet und nimmt die Spiegelbestseller-Liste humorvoll aufs Korn. Aber ist Dennis Scheck als Autor tätig geworden? – Journalismus, Co-Autor, aber ein literarisches Werk … Nicht, dass ich wüsste.

Also reden vielleicht auch die Literaturkritiker wie Blinde von der Farbe …?

Genialität oder Handwerk?

Glauben wir noch immer, dass es die betörende Nymphe namens „Muse“ ist, von der man nur mit Leidenschaft genommen werden kann, soll daraus etwas Großartiges erwachsen. Nachdenken, analysieren, arbeiten und schwitzen … das passt so gar nicht zum Bild eines genialen Schriftstellers. Und doch bin ich überzeugt, dass das Schreiben mehr von der fleißigen Art hat als von der des schöpferischen Aktes. Der Großmeister des Nervenkitzels, Stephen King, sieht sich schlicht als guten Handwerker, nicht als kreatives Genie.

Über Handwerk allerdings müsste sich doch sprechen lassen. Verlegte Kacheln, gestrichene Wände, Möbelstücke … all das kann man doch einschätzen und nach der handwerklichen Qualität beurteilen. Warum ist es dann so selten? Traut sich nur keiner?

Viele Autoren wollen wohl einfach nur schreiben. Ein Kollege des Thriller-Genres erzählte mir im letzten Jahr, dass er entweder zum Schreiben oder zum Lesen Zeit fände, aber nicht für beides, weshalb er sich fürs Schreiben entschied. Eine Urenkelin gar von Thomas Mann erklärte kürzlich im Zeitmagazin, dass sie überhaupt keine Bücher lesen mag, am wengisten die Wälzer ihrer verdienstvollen Ahnen, sondern leidenschaftlich gerne Kurzgeschichten schreibt. Natürlich ist auch eine solche etwas bezuglose Schriftstellerei nicht nur legitim, sondern im Ergebnis in beiden Fällen durchaus gefällig. Aber nicht meins.

Fantasy schreiben und über Fantasy schreiben … Ich will beides!

Vielleicht ist es eine Chance, sich mit Leidenschaft dem kreativen Prozess hinzugeben und doch auch zu reflektieren, rechts und links zu schauen und sich kritisch mit den „Erzeugnissen“ der eigenen Zunft zu beschäftigen. Vielleicht kann dies dazu beitragen, das Bild, die Kritik an Fantasy viel differenzierter zu fassen, zumindest die Unterschiede klar zu benennen, ein wenig die Spreu vom Weizen zu trennen, das Bild zu verändern … Und dann lässt es sich über Geschmack immer noch trefflich streiten und jeder ist frei und unbeschwert zu lesen, was immer sie oder er will. Nur etwas bewusster, womöglich ausgewählter oder gar wählerischer.

Und warum will ich Fantasy schreiben?

Die Motivation zu einem eigenen Buch ist schon so alt, wie ich erinnern kann. Sie rührt von dem tiefen Bedürfnis her, etwas Schönes zu erschaffen. Es ist ein bisschen wie Gärtnern. Man hat eine bunte Mischung aus Samen und kleinen Setzlingen zusammen, besaß schon immer Freude an der Natur und ihrer Kraft, arrangiert dann das Ganze auf einem fruchtbaren Untergrund, hegt und pflegt es, und irgendwann ist etwas Schönes entstanden, zumindest für mich. Gärtnerische Mühen haben ihren Beitrag geleistet, aber irgendwie ist es auch aus sich selbst heraus erwachsen. Handwerk eben und die Kraft der Schöpfung.

Aber ich habe noch einen anderen Grund, warum ich schreibe. Ich werde vermutlich alt und die eigene Sicht verändert sich:
Was ich früher geduldet habe, ist mir heute zuwider, was mich aufgepeitscht und emotional bewegt hat, ist fade geworden. Die Welt ist nicht schlechter oder grauer geworden – keineswegs, aber ich traue mich sie klarer zu fassen, besser und bunter. Ich muss mich nicht mehr ins Einerlei anpassen . Ein entspannender Vorzug des Älterwerdens – die Jüngeren würden Eingeschränktheit und Altersstarrsinn attestieren …

Und so ist es mir tragischerweise passiert, dass ich keinen Geschmack mehr an vermeintlich „hochstehender“ Literatur finden konnte. Es hinterlässt nicht mehr den geringsten Sinneseindruck, als hätte ein hinterhältiger Virus alle literarischen Rezeptoren und Geschmacksnerven ausgeschaltet.
Die deutschen Klassiker, die ich in jüngeren Jahren bildungsgierig verschlang, sind mir nun zu lebensfern und verstaubt. Was die moderne Literaturszene hochlobt, ist mir gar zu artifiziell, zu wenig eingängig, schemenhaft und punktuell erzählt, intellektuell vielleicht, aber nicht nah am Herzen und meist nicht sehr phantasievoll, geschweige denn phantastisch …

Ähnlich geht es mir aber leider auch mit der Fantasy. Das Regal bei mir zuhause, welches diese Literaturgattung (sofern es denn eine ist – siehe Folgeartikel) beherbergt, ist riesig, aber es findet kaum noch Neuzugänge: … die nervigen NewAdults und Romances mit für mich komplett uninteressanten und banalen Themen, rauhbeinige Texte in mündlichem Sprachduktus, durchschaubare Plots, Gesellschaften und Zustände wie im finstersten Mittelalter, epische Breite ohne dramaturgische Tiefe, Magieakademie und Zauberinternat, Prinzessinnen, Zauberadepten, Schwertlehrlinge und liebestolle Vampire, dann auch noch Drachen, Orks, Trolle und immer wieder die Fae (Elfen, Elben, Feen) … Ich kann das nicht mehr lesen. Tut mir leid. Dabei habe ich es geliebt, aber es ist so schal und fad geworden.

Und dann … fürchte ich, bleibt tatsächlich zunächst nicht mehr viel …

Ich schaue mich um, entwickele eine neue Geschmackssensibilität, entdecke andere Qualitäten, unterscheide viel klarer zwischen bitter und süß, sehe wieder bunter, besinne mich, verwerfe vieles, beginne mit dem Schreiben, wie es mir selbst gefällt, lese neue Bücher, die bisher gar nicht im Fokus lagen … Und ganz langsam beginnt es mir wieder Spaß zu machen.

Deshalb sitze ich hier und kann nicht anders: Ich schreibe Fantasy und schreibe über Fantasy.

 

Ich bin fast sicher, dass sie es schaffen, wenn sie an sich glauben.“  

Wolfgang und Heike Hohlbein, Elfentanz, Verlag Carl Ueberreuter 1984/2011, S.466

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